Freitag, 18. August 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Karrierewettbewerb "Panda" Warum Jury-Bewertungen nicht mehr reichen

Führungskräfte-Wettbewerb Panda: So bunt kann Karriere sein
Fotos
manager magazin online

Es ist etwa 13.25 Uhr, als Stuart Cameron der Mut verlässt. Der Unternehmer im schmalen, schwarzen Anzug steht 200 Frauen und einer Million Dominosteine gegenüber. Die Frauen haben noch zehn Minuten, um die Steine so aufzubauen, dass eine gigantische Schlange entsteht. Bislang stehen fünf Steine und die Frauen reden. Stuart Cameron verlässt den Raum.

Dabei ist der 35-Jährige Cameron nicht nur der Herr über die Dominosteine: Das Geschäftsmodell von ihm und seiner Geschäftspartnerin Isabelle Hoyer, 36, ist, sehr viel anders zu machen im Bereich der Karrieremessen, -wettbewerbe und -konferenzen, als dies bislang der Fall ist. Und damit zwei große Trends abzubilden: Diversity und Authentizität.

Cameron ist unter anderem Gründer der "Sticks and Stones", einer Karrieremesse für Schwule, Lesben und Heteros, er organisiert mit "24/7 Unicorn" einen der zentralen LGBT-Kongresse Europas (für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle). Vergangenen Samstag richteten die beiden zum dritten Mal "Panda" aus, Deutschlands einzigen Karrierewettbewerb nur für Frauen.

200 sind gekommen, alle mit Führungserfahrung - und Lust auf mehr. Einen Tag lang lösen die Frauen in immer wieder neuen Gruppen unterschiedliche Aufgaben, sie analysieren die Qualitäten einer Führungskraft, debattieren auf Englisch Wahlkampfargumente für und gegen Hillary Clinton und sollen eben Dominosteine aufbauen. Das besondere dabei: Nach jeder Aufgabe bewerten sich die Frauen gegenseitig, vergeben Punkte in Fragebögen. Sie entscheiden selbst, wer gewinnen soll. Dazu kommt ein Votum einer Expertenjury.

"Andere Wettbewerbe orientieren sich an einem vorgegebenen Bild von Karriere und eine Jury bewertet, in wie weit die Kandidaten dem entsprechen. Wir wollen das nicht. Erfolgreiche Führung hat viel mit menschlichen Eigenschaften zu tun. Bei uns entscheiden die Teilnehmerinnen, wer sie am meisten überzeugt hat," so Veranstalterin Hoyer. Konsequenterweise ist die Ausschreibung bewusst vage gehalten: Es gibt kaum formelle Kriterien wie Alter, Studienabschluss oder Position, die eine Bewerbung einschränken könnten.

Klone im Anzug sind nicht erwünscht

Die Frauen, die bei Panda mitmachen, haben Führungserfahrung (manche weniger, manche mehr) und Ambitionen (alle viel). Und sind dabei nicht verbissen sondern verspielt genug, um an einem Wettbewerb teilzunehmen, bei dem einem morgens zwei Panda-Maskottchen entgegenwackeln. Viele hier haben ein Start-Up gegründet, andere arbeiten in typischen Männerberufen, eine ist Offizierin, es gibt Ärztinnen, Anwältinnen, Selbständige, Angestellte, Jüngere, Reifere, Schwangere. Sie wünschen sich Austausch mit anderen Frauen, wollen ihren Marktwert testen, vom Feed-Back lernen.

"Come as you are" ist der Dress-Code, und sie haben sich daran gehalten: Alles ist sehr bunt. Klone im Anzug, das Übliche bei Veranstaltungen dieser Art, gibt es nicht. Trotzdem muss den Organisatoren den Spagat gelingen, nicht nur eine bunte Truppe Exoten zu identifizieren - sondern auch konzernkompatible Frauen. Denn finanzielles Rückgrat des Wettbewerbs sind Unternehmen, die rund um den Konferenzraum im Grand Hotel Esplanade in Berlin (viel Chrom, viel Teppich) ihre Tische aufgestellt haben, um dort mit den Bewerberinnen ins Gespräch zu kommen. Die größte Traube bildet sich um die Damen von H+M, bei Continental, dem Reifenhersteller, lockt zwar Nagellack in Unternehmensorange, doch der Andrang ist - vielleicht auch deshalb - ehr mau.

Hoyer und Cameron haben ihr Projekt, wie die beiden Panda nennen, "komplett in Eigenregie organisiert". Das heißt: Über 700 Bewerbungen für den Panda-Tag sichten, 320 zeitversetze Videointerviews auswerten, den Tag konzeptionieren, Raum suchen, Kosten verhandeln, Unternehmen anwerben, die Aufgaben entwickeln, aufschreiben, kopieren, im richtigen Moment verteilen lassen, Redner einladen, Essen, Getränke, eine nicht enden wollende Liste.

Herzblut und Selbstausbeutung

Hoyer und Cameron können das, sie können organisieren, sie wissen, was Netzwerke sind und wie man diese vermarktet. Und sie haben ein Gespür für eine Generation, die klassische Karriere hinterfragt, aber trotzdem erfolgreich sein will. Sie wissen, dass graue Männer mit Kaminkarriere und 70-Stunden Jobs nicht mehr zum Role-Model taugen - und noch weniger für die Jury eines Karrierewettbewerbs. Und so verteilen die Teilnehmerinnen ihre Likes untereinander: Nach jeder Aufgabe erst schriftlich, dann stellen sie sich in Zweierreihen auf, wenden sich zueinander und sagen sich die Meinung. "Eine warme Feed-back-Dusche", nennt es eine begeistert. Eine andere muss erst mal fertig werden damit, dass sie viel zu dominant und rücksichtslos wirkt.

Mit seiner Sticks and Stones Messe ist Cameron inzwischen profitabel - Panda "trägt sich", so Isabelle Hoyer. Sie hat zwei Tage die Woche einen festen Job, der die Miete zahlt.

Sie macht Panda, weil sie selbst als Mutter von zwei Kindern (11 und 14) einen Weg für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie finden musste. Weil sie Frauen stärken wollte, ihnen ein Netzwerk bieten und zeigen, dass Karriere nicht spaßbefreite Anzugveranstaltungen sein muss. Ihre Motivation ist aber auch unternehmerisch: Die Firmen springen darauf an, seit drei Jahren jedes Jahr mehr, eine begehrte Zielgruppe wird ihnen hier per Du serviert.

Diese begehrte Zielgruppe kniet und liegt inzwischen auf dem Boden, sie baut die Schlange, mit Klebeband ist der Weg der Steine markiert. In den hohen Räumen mischt sich das Klackern der Steine mit hohem Lachen und spitzen Schreien, wenn sich erste Lawinen lösen. Schuhe werden ausgezogen, gefährlich pendelnde Ketten auch. Die beiden Hochschwangeren ziehen sich wegen zu großer und zu unkoordinierter Fülle zurück. In diesem Moment kommt Cameron zurück: "Das glaube ich nicht", schreit er und "noch eine Minute". Dann gibt er den Anstoß - und durchs Hotel rattern tausende Dominosteine ihrem Ende entgegen. 200 Frauen johlen, klatschen, schreien. Wettbewerb fühlt hier keine mehr.

Abends um acht, zwölf Stunden nach Beginn der Veranstaltung, werden die beiden Siegerinnen verkündet: Bei den Executives gewinnt Uygar Galbis, Teamleiterin bei Xing in Engineering Bereich, bei den Young Leaders Aimie-Sarah Carstensen, Projektleiterin in einem Bertelsmann-Start-Up namens Blicksta. Beide gewinnen allerlei Gutscheine für Reisen und Beratungen. Und bekommen auf der Bühne einen Strauß mit Rosen und Schleierkraut in die Hand gedrückt - eine ungewohnt klassische Geste an diesem Tag.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH