Montag, 11. Dezember 2017

Kantinendates über "Mystery Lunch" Warum Ihre Firma will, dass Sie mit Fremden zu Mittag essen

Desaster beim Business Lunch: Diese Gerichte sollten Sie besser nicht bestellen
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manager-magazin.de: Was ist ein Mystery Lunch, Herr Drebes?

Christoph Drebes: Das ist ein ganz normales Mittagessen. Der Unterschied: Man geht nicht mit den gleichen Kollegen wie immer, sondern mit welchen, die man noch nicht kennt.

mm.de: Wie läuft das praktisch ab?

Drebes: Sie melden sich in Ihrem Unternehmen auf einer Plattform an, geben Ihre Abteilung an und vielleicht noch, wie oft Sie teilnehmen wollen, auf welchem Hierarchielevel Sie sind, welche Interessen Sie haben und welche Sprachen Sie sprechen. Dann wird Ihnen nach dem Zufallsprinzip für den ausgewählten Tag ein Kollege oder eine Kollegin zugeordnet.

mm.de: Wer legt diese Parameter fest? Und wer legt fest, wer miteinander essen gehen soll und wer nicht?

Christoph Drebes
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    Christoph Drebes
    Christoph Drebes hat 2014 zusammen mit zwei Kollegen, mit denen er bei Telefónica arbeitete, die Firma "Mystery Lunch" gegründet, für die alle drei mittlerweile hauptberuflich tätig sind. Das Technologie-Start-Up bietet eine Plattform für Unternehmen, die deren einander nicht bekannte Mitarbeiter zu gemeinsamen Essen verabredet. Bisher wurden nach firmeneigenen Angaben mehr als 100.000 Meetings in 15 Ländern organisiert. Zu den Kunden zählen rund 40 große Unternehmen wie Allianz, Telekom, Telefónica und DHL.

Drebes: In der Regel werden wir von den Personalabteilungen beauftragt, unser Tool zu implementieren. Die entscheiden, auf welche Weise sie das tun wollen. Es wäre technisch möglich, bestimmte Bereiche bevorzugt zu matchen, etwa wenn Geschäftsbereiche zusammengelegt werden und die betreffenden Kollegen einander besser kennenlernen sollen. Aber solche Wünsche sind bisher noch nicht geäußert worden. Die meisten unserer Kunden setzen auf das Zufallsprinzip, weil es umso spannender wird, je weniger Vorgaben man macht. Aber manche Unternehmen machen schon einige Einschränkungen.

mm.de: Welche zum Beispiel?

Drebes: Einer unserer Kunden möchte, dass nur jeweils zwei Hierarchielevel nach oben und nach unten gematcht wird. Auch Praktikanten und Auszubildende werden zum Teil aus dem System herausgenommen. Und 70 bis 80 Prozent der Teilnehmenden am Mystery Lunch wollen zu zweit essen gehen - aber Vorstände lassen sich meist lieber drei oder vier Leute zulosen, um die knappe Zeit besser nutzen zu können. Es kann auch sinnvoll sein, bei sehr großen Unternehmen den Mystery Lunch auf jeweils eingegrenzte Geschäftsbereiche zu beschränken. Sonst ist es unter Umständen thematisch arg weit voneinander entfernt.

mm.de: Ich bin im Zusammenhang mit Mystery Lunch auf das Wort "Mittagessenmanagement" gestoßen. Hat man nicht mal mehr beim Essen Ruhe vor dem beruflichen Optimierungszwang?

Drebes: Es ist ja kein Zwang. Jeder soll das machen, was er am liebsten machen will. Wenn man alleine besser entspannen kann oder lieber mit den vertrauten Kollegen essen gehen möchte, wunderbar. Aber wer sich gern auf etwas Neues einlassen will, kann unser Tool nutzen. Ein Netzwerk aufzubauen, kann ja auch einfach Spaß machen. Wir setzen auf das Prinzip Serendipity. Den Begriff gibt es im Deutschen so nicht: Er bezeichnet den glücklichen Zufall, der sich ergibt, obwohl man gar nicht auf der Suche war. Etliche große Innovationen sind durch solche Zufälle entstanden. Das funktioniert aber nur, wenn man einen Raum zur Verfügung stellt, in dem etwas Magisches passieren kann.

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