Sonntag, 22. Juli 2018

"Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital" Die Lebenslüge vieler Chefs 

Die zu oft im Schatten stehen.

Haben Sie sich schon einmal gefragt wie hoch der Wert Ihrer Kompetenzen für das Unternehmen ist, für das Sie arbeiten? Gemeint sind Ihr intellektuelles Kapital, Ihre Erfahrungen, Ihre Kenntnisse und Ihre Fähigkeiten, die Sie Ihrem Unternehmen zur Verfügung stellen.

Oder wie hoch die Ablöse für Ihre Person wäre, wenn Sie, wie im Fußball, von Volkswagen zu Daimler transferiert würden. Und wie sähe dann Ihr Gehalt aus?

Sie sind der Meinung, dass dies unanständige Fragestellungen sind, die aus humanistischen Gründen in diesem Kontext unangebracht sind? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft mit denen, die sich wirklich täglich fragen, ob Sie Ihr Geld wert sind, ohne es auszusprechen: nämlich Ihre Chefs.

Der Mensch als wertsteigerndes Asset

Es sind die Führungskräfte, die für die Profitabilität des Unternehmens und die Rentabilität des eingesetzten Kapitals verantwortlich sind und ihren Anteilseignern darüber Rede und Antwort stehen müssen. Boden, Kapital, Arbeit - das sind die drei Produktionsfaktoren der klassischen Ökonomie. Doch während zwei davon - Boden und Kapital - als Aktiva die Vermögensseite der Bilanz stärken, schwächt der Faktor Arbeit als Aufwand das Eigenkapital.

Seit Beginn der Industrialisierung bis in die heutige Zeit gilt es, die Personalkosten und Headcounts möglichst gering zu halten, um den Ertrag zu steigern und die Fixkosten im Zaum zu halten. Diese Herangehensweise ist seit mehr als 200 Jahren auch bestimmend für den "Klassenkampf" zwischen Kapital und Arbeit, zwischen "Lohnherr" und seinen "Lohnknechten".

Somit wird der Faktor Mensch als möglichst gering zu haltender Aufwand gesehen und nicht als unmittelbar wertsteigerndes Asset für das Unternehmen. Für eine adäquate ökonomische Wertbestimmung von Unternehmen im 21. Jahrhundert ist ein Update dieser Denkweise dringend erforderlich.

Michaela Bürger
  • Copyright:
    Michaela Bürger ist Inhaberin der Unternehmens-beratung "Michaela Bürger Consulting". Mit ihrem Team unterstützt sie Dax-Konzerne, den Mittelstand und andere Organisationen bei personalstrategischen Fragen zur Führungskräfteentwicklung sowie der Etablierung neuer Konzepte und Programme für die Talentidentifizierung und Entwicklung.

Emotion schlägt Effektivität

Kurz nach seiner Erfindung vor mehr als 100 Jahren war das Automobil ein "Wunder der Technik", ein Fortbewegungsmittel, das für viele Jahrzehnte nur wenigen vorbehalten war. Bis heute gilt das Auto - insbesondere in den aufstrebenden Mittelschichten der Entwicklungs- und Schwellenländer - als Statussymbol für Geld, Macht und Wohlstand.

Zukünftig wird jedoch nicht mehr die Funktion des Autos oder der damit verbundene Status von zentraler Bedeutung sein, sondern die Frage, ob es den individuellen Mobilitätsanforderungen und Lebensstilen der Nutzer dienlich ist - oder auch nicht. Unternehmen der Automobilbranche können dann nicht mehr ausschließlich über Material, Technik und Prozessoptimierung punkten, sondern sind gefordert, die Bedürfnisse der Käufer genau zu erschließen, die notwendig sind, um den Absatz zu maximieren und im Wettbewerb bestehen zu können.

Alois Maichel
  • Copyright: Alois Maichel
    Alois Maichel
    Dr. Alois Maichel ist Unternehmer, Strategieberater, Stiftungsvorstand. Mit Michaela Bürger hat er 2015 das Modell Six Dimension Leader (6D-Leader) zur Messung von Führungseigenschaften in einer digitalen Welt entwickelt und patentiert.

Und wer kann dies leisten - das Neue erst zu denken und dann zu erschaffen? Eine Maschine mit noch so intelligenter Programmierung nur bedingt, nur Menschen schaffen dies in letzter Konsequenz vollumfänglich, wenn sie die dafür notwendigen Fähigkeiten besitzen und nutzen.

Um die Bedürfnisse von Menschen zu erfassen und zu erfüllen, braucht es Emotionen, eine gute, geschulte Einschätzungs- und Beobachtungskompetenz sowie die Fähigkeit, sich in das Befinden anderer einzufühlen. Daten sind die Basis dafür, aber nicht die Lösung. Menschen sind hier mehr denn je gefragt.

Vom Aufwand zum Asset

Betriebswirtschaftlich jedoch wird nirgends bewertet, welches Kapital ein Mensch mit diesen Fähigkeiten für das Unternehmen bereitstellt. Die Anerkennung von Humankapital als gleichberechtigtes Asset könnte helfen, den jahrhundertealten Konflikt zwischen Kapital und Arbeit ein Stück weit überwinden. Wo in klassischen Industrieunternehmen vor allem die Effizienz der Maschinen den Wettbewerb entschieden hat, sind es heute die von Menschen erdachten Algorithmen in den Technologieunternehmen. Durch den Wandel in der Wirtschaftswelt - gepusht durch Digitalisierung und Globalisierung - verändert sich die Rolle der Führungskräfte und Mitarbeiter in der Wertschöpfung daher erheblich.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH