Sonntag, 18. November 2018

Managerjargon Entrümpeln Sie Ihre Sprache!

Vergessen Sie hohle Anglizismen und Geschwafel: Führungskräfte müssen frei, intelligent und verständlich sprechen
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Vergessen Sie hohle Anglizismen und Geschwafel: Führungskräfte müssen frei, intelligent und verständlich sprechen

Wer auf der Suche nach einem Karrierebeschleuniger ist, sollte seine Sprache entrümpeln. Denn nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen.

Was genau ist ein "Manager"? Was tut diese Sub-Species des Homo oeconomicus? Ein Manager führt, begeistert sein Team, motiviert Mitarbeiter, überzeugt Kunden, trifft nach einem Diskurs mit allen Beteiligten schnell gute Entscheidungen - und übernimmt am Ende die Verantwortung für sein Tun. Das ist in einer endlosen Papierschlange aus Management-Literatur auch hinlänglich beschrieben. Doch was bedeutet es in der Praxis?

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".
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Ein Manager kommuniziert. Das ist seine Hauptaufgabe, denn ohne Kommunikation auch keine Überzeugung, keine Motivation und Begeisterung schon gar nicht. Nicht bei Mitarbeitern, nicht bei Kunden und auch bei den Kapitalgebern nicht. Reduziert aufs Wesentliche, ist Management die Fähigkeit, gut, frei, intelligent und verständlich zu sprechen. Stattdessen jedoch nutzen viele Führungskräfte eine Terminologie, die bestenfalls dazu dient, blasse Gedanken hinter wolkigem Geschwätz zu verbergen.

Frank Brettschneider an der Universität Hohenheim untersucht seit 2012 jährlich die formale Verständlichkeit der Reden von Spitzenmanagern in deutschen Dax-Unternehmen. Sein Urteil lautet: Die Dax-Vorstände werden jedes Jahr ein wenig besser darin, sich so auszudrücken, dass ihnen normale Anleger folgen können und nicht nur auf eine spezifische Branche trainierte Analysten. Dennoch bleibt noch viel zu tun: "Bandwurmsätze, abstrakte Begriffe, zusammengesetzte Wörter und nicht erklärte Fachbegriffe schmälern die Verständlichkeit am meisten", erklärt Brettschneider. "Das Ergebnis ist dann Kauderwelsch statt Klartext."

Das gilt selbstverständlich nicht nur für die erste Ebene im Betrieb, die öffentlich reden muss, sondern auch für die Ränge im mittleren Management, also auch für Führungskräfte, die an der Basis operieren und umso verständlicher sein müssten. Doch auch im innerbetrieblichen Alltag reden viele so, als sei die Substantivierung der Begriffe ein Gesetz: Da wird nicht reduziert, gespart, geplant oder konsolidiert, das wäre zu einfach. Stattdessen gibt es Ergebnisverbesserungsprogramme, Effizienzsteigerungsmaßnahmen und Konsolidierungsszenarien.

Passiv konstruierte Sätze mit Abkürzungen und Fachwörtern ("Das EBITDA vor Sondereinflüssen soll in unseren Geschäften im mittleren bis oberen einstelligen Prozentbereich erhöht werden") sind bei vielen ansonsten durchaus handfesten Führungskräften ebenso beliebt wie denkwürdige Wort-Kreationen. Das schönste Lieblings-Unwort in meiner Sammlung ist derzeit das Platform-as-a-Service-Angebot.

Stufe zwei des Managerjargons ist die Einführung von möglichst vielen Anglizismen. Dann ist die Rede von Growth Market Units, Win-win-Situationen für alle Stakeholder, Interfaces und der Bottom Line. In Stufe drei wird das Geschwurbel dann noch mit Phrasen durchmischt. "Am Ende des Tages" ist genauso beliebt wie das "thinking outside the box." Das Ziel der "new market initiative" ist eine finanziell lukrative "Exit-Strategie".

Schon jetzt wünscht sich der Zuhörer, der Sprecher möge doch bitte für sich selber den Exit planen, doch die finale Eskalationsstufe des fortgeschrittenen Blödsinns kommt erst noch: Die Abkürzung der Anglizismen zu Buchstabensalat. Der Key Performance Indicator wird zum KPI und Budget at Completion zu BAC. Ihre Verwendung soll PBC zum Ausdruck bringen - das Personal Business Commitment oder auch die Hingabe des Betroffenen an seinen Job.

Das alles wäre lustig, wenn es nicht so anstrengend, zeitraubend und verwirrend wäre, dass so viele Geschäftsleute keinen geraden Satz zustande kriegen. Warum bloß reden die so - wenn es in ihrem Job doch eigentlich darum geht, verstanden zu werden?

Das Kauderwelsch soll vermitteln: Ich bin schlauer als du, im Gegensatz zu dir kann ich den Jargon der Geschäftswelt. Zudem soll so Sicherheit signalisiert werden: Die ökonomische Welt ist eine der Zahlen, der "Financials". Da wird gemessen, verglichen, gewogen. Das auch sprachlich zum Ausdruck zu bringen, suggeriert, dass der Sprecher alles im Griff hat. Offenbar empfinden viele Führungskräfte sich dann als besonders überzeugend, wenn sie die Welt möglichst berechenbar erscheinen lassen können.

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Dabei ist das Gegenteil der Fall: Schwafler wirken weder schlau noch souverän. Auch wenn bislang erstaunlich wenige Mitarbeiter die Zunge schwadronierender Vorgesetzten mit der Büroschere attackiert haben - dieses Sprechverhalten ist für viele der zum Zuhören Gezwungenen hochgradig demotivierend. Niemand vertraut einem Vorgesetzten, den er nicht versteht. Und wer seinen Vorgesetzten nicht vertraut, wird sich auch nur widerwillig auf Veränderung einlassen. In Zeiten schnellen Wandels kostet das Zeit und Geld.

Wer auf der Suche nach einem Karrierebeschleuniger ist, sollte mit der eigenen Sprache anfangen: Klare Ansagen werden verstanden und in der Regel auch geschätzt und mit Vertrauen belohnt. Glaubwürdigkeit und Authentizität erreicht man nicht mit Geschwurbel - und gute Ergebnisse schon gar nicht. Prof. Brettschneider hat es in klare Worte gepackt: "Nur wer verstanden wird, kann auch überzeugen."

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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