Mittwoch, 22. November 2017

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Auswirkungen des Leistungsprinzips Wie viel Mensch kann ein Manager heute noch sein?

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Natürlich ist ein Manager ein Mensch. Wieso stellt sich also diese Frage?
Der Anspruch und die Wirklichkeit in Bezug auf Menschen mit Verantwortung und ihre Rollen waren noch nie so unrealistisch wie heute.

Sie kennen das: Ein Mann soll hart, erfolgreich und willensstark sein, aber bitte auch einfühlsam und behutsam. Eine Frau soll in der Mutterrolle aufgehen und gleichzeitig einen ordentlichen Anteil zum Familieneinkommen beisteuern, selbstverständlich dabei stets attraktiv und auf Augenhöhe mit dem Partner bleiben. Kinder sollen Werte haben, nach dem Sinn ihres Tuns fragen und das Leistungsprinzip (das so viele krank macht) infrage stellen, gleichzeitig aber bitte das Bruttosozialprodukt für die alternde Gesellschaft hoch halten, damit unser aller Wohlstand erhalten bleibt.

Michaela Bürger
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    Michaela Bürger ist Inhaberin der Unternehmens-beratung "Michaela Bürger Consulting". Mit ihrem Team unterstützt sie Dax-Konzerne, den Mittelstand und andere Organisationen bei personalstrategischen Fragen zur Führungskräfteentwicklung sowie der Etablierung neuer Konzepte und Programme für die Talentidentifizierung und Entwicklung.

Wir alle sollen die Umwelt schützen, aber dabei auch Weltbürger sein, die heute in Europa und morgen in Asien leben und arbeiten. Trotzdem dürfen wir unsere Wurzeln nicht verlieren und sollen uns um unsere alten Eltern in Deutschland kümmern.

Ich frage Sie: Wie soll das gehen?

Zombies wie wir

Das Entweder-oder-Prinzip reicht uns nicht mehr, es limitiert uns und erfüllt nicht mehr die Ansprüche. Heute dominiert das Sowohl-als-auch-Denken, das uns zu Vielseitigkeitszombies macht, die nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht und was sie wirklich wollen. Unsere Gehirne können die Komplexität der Gemengelage oftmals kognitiv gar nicht mehr erfassen, was dazu führt, dass sie im buchstäblichen wie im technischen Sinne aussteigen.

In diesem Stadium ist die letzte Rettung nur noch die Checkliste, die stoisch abgearbeitet wird - wir funktionieren, fühlen uns wie im Hamsterrad und nehmen unsere Umwelt sowie deren und unsere eigenen Bedürfnisse nur noch verschleiert wahr - oder gar nicht mehr. Wenn wir aber nicht mehr wahrnehmen, unser Handeln reflektieren und unbefangen urteilen können, ist es sehr schwer, menschlich zu sein.

Mensch zu sein heißt, sich selbst zu spüren, den Geist, den Körper und die Umwelt. Der Mensch erlebt, als einzige Spezies dieser Erde, die Welt als Verweisungszusammenhang. Er kann abstrakte Theorien entwickeln und sich von Konkretem lösen. Er ist zu tiefen Gefühlen in der Lage und versteht, was er tut. Human zu sein bedeutet, "gute" Ziele zu verfolgen, barmherzig zu sein, seinen Nächsten zu lieben und Mitgefühl zu zeigen.

Übersteigerte Erwartungen

Und Manager mit Macht und Verantwortung sollen nun genau das selbstverständlich können, was schon Menschen ohne Führungsverantwortung nicht mehr zu leisten in der Lage sind. Die gut bezahlte Führungskraft, die Frau oder der Mann an der Spitze eines Unternehmens, soll ihr Unternehmen hart, messbar und unermüdlich weiterentwickeln und dabei gleichzeitig nach moralischen Grundsätzen konsequent agieren.

Liebe Mitmenschen, das geht nicht!

Kein Mensch kann andere wertfrei und umsichtig wahrnehmen, wenn er selbst täglich der Bewertung durch seine Chefs, seine Anteilseigner, seine Familie, die Medien, die Analysten und seine Mitarbeiter ausgesetzt ist.

Das Streben nach einer guten Bewertung ist zu einem Überprinzip geworden, wem sie verweigert wird, der ist schnell erledigt. Es geht um Gesichtsverlust, Versagen, Scham und Scheitern - und manchmal sogar um die Existenz.

Sein - nicht haben

Wenn wir wollen, dass menschliche Werte bei Führungskräften stärker in den Vordergrund rücken und weniger das Streben nach Leistung und gesellschaftlicher Anerkennung, müssen wir dazu kommen, den Manager ebenfalls als Menschen wahrzunehmen, als ein bewusstes Selbst mit konkreten Eigenschaften und Fähigkeiten. Nicht als Werkzeug zur Erreichung eines bestimmten Umsatzziels, zur Mehrung des EBIT oder des politischen Einflusses. Denn das einseitige Streben nach Leistung und Bedeutung führt dazu, dass wir "einen Saustall auf der Welt hinterlassen", wie es der Neurobiologe Gerhard Hüther so trefflich ausdrückt.

Erst wenn Ich-Motive und das egozentrische Streben nach Selbstverwirklichung sozialen Motiven weichen, finden wir die Menschen, die Führungsverantwortung übernehmen, weil sie ihren inhaltlichen Überzeugungen folgen und ernsthaft gewillt sind, das große Ganze zu gestalten. Wir finden Menschen, die Freude an Führung haben und nicht nur an der Macht. Menschen, die reflektierte Werte leben und gerne leisten, ohne sich selbst zu verlieren oder andere auszublenden. Menschen, die sich sorgen, hoffen und dankbar sind für das, was sie haben, und nicht ständig nach mehr Besitz und Bedeutung streben. Führungskräfte, die deshalb unverzichtbar für eine Gemeinschaft oder Organisation sind, weil sie sind und nicht, weil sie haben.

Es gibt diese Menschen, die wir in verantwortungsvolle Führungsaufgaben bringen und entwickeln können! Nur leider suchen wir zu selten nach ihnen und wählen stattdessen nach vermeintlich altbewährtem Muster genau diejenigen Manager aus, die sich über ihre Erfolge, Besitz und Anerkennung definieren. So bestätigt sich das System immanent selbst. Menschlichkeit kann da nur am Rande stattfinden.

Mir ist das zu wenig. Ihnen auch?

Michaela Bürger ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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