Mittwoch, 20. März 2019

LinkedIn-Deutschlandchef "Kontrollverlust ist für Firmen ein wichtiges Thema"

Ein "Abbild des realen Lebens": Das Netzwerk LinkedIn

Jochen Doppelhammer wirkt wie die Verkörperung der neuen Arbeitswelt: zum Interview kommt der Deutschlandchef von LinkedIn im lässig aufgeknöpften Hemd, vor dem Gespräch krempelt er noch die Ärmel hoch: Kann losgehen.

Jochen Doppelhammer
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    Jochen Doppelhammer ist seit April 2018 Ländermanager und Leiter der Produktentwicklung bei LinkedIn Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuvor war er Mitgründer mehrer Start-ups UppTalk und Saveboost und beriet junge Technologieunternehmen. Er hat einen Master-Abschluss in Computerwissenschaften und BWL der Universität Passau.

manager-magazin.de: Was will LinkedIn eigentlich sein? Ein Karrierenetzwerk?

Jochen Doppelhammer: Nicht nur. Karriere heißt in Deutschland ja immer: Es muss nach oben gehen. Der englische Begriff Career hat im Deutschen keine ideale Übersetzung: Da kann es, im Sinne von beruflichem Werdegang, auch mal rauf und runter oder im Zickzack links und rechts gehen. LinkedIn ist eine Plattform, auf der unsere Mitglieder sich zu Themen austauschen können, die sie heute und morgen in der Arbeitswelt beschäftigen. Wobei Leben und Arbeit nun mal zusammengehören. Berufliches Fortkommen wird letztlich ja auch von privatem Interesse getrieben.

Wo ist für Sie die Trennlinie? Wahrscheinlich postet niemand Katzenvideos auf LinkedIn, oder?

Manche tun das sogar - aber es sollte schon einen Mehrwert bieten und kein reiner Zeitvertreib sein. Etwa, wenn Sie ihr Haustier an den Arbeitsplatz mitnehmen. Die Grenzen der Arbeitswelt verschwimmen immer mehr, und das spiegelt sich auf unserer Plattform auch wider. Im Endeffekt geht es darum: Wie führen wir unser Leben? Wie stellen wir uns selbst dar, und was gibt uns Erfüllung? Wo ist der Sinn, was sind die Ziele? Und dabei spielt eben die berufliche Laufbahn eine große Rolle. Die Gemeinschaft definiert selbst am besten, was für sie in Ordnung ist.

Wie gehen Sie mit Hasskommentaren um? Die gibt es auf LinkedIn ja auch.

Wir haben eine relativ vertrauensvolle Plattform geschaffen. Dazu trägt entscheidend bei, dass sich die Leute hier mit ihrer kompletten beruflichen Identität in einem professionellen Umfeld präsentieren. Natürlich gibt es trotzdem solche Fälle, und wir haben ein starkes Team dafür, in das wir viel investieren. Wir haben ein gut geschultes Team, das versucht, mit Hilfe von Algorithmen sowohl Fake-Accounts rechtzeitig zu erkennen als auch Drangsalierung und Hasskommentare zu identifizieren.

Sie haben im deutschsprachigen Raum 13 Millionen Mitglieder. Wie viele davon sind Karteileichen?

Wir haben weltweit sogar 15 Millionen deutschsprachige Mitglieder. Wir sind wahrscheinlich die aktivste Community im professionellen Umfeld, und die Qualität des Austauschs ist sehr hoch. Es ist aber nicht unser Ziel, dass unsere Mitglieder viel Zeit bei LinkedIn verbringen. Wert für die Mitglieder generieren heißt: Ich will dir die bestmögliche Antwort schnellstmöglich geben. Wir wollen unsere Mitglieder produktiver und erfolgreicher machen. Wenn die Leute wahnsinnig viel Zeit auf der Plattform verbringen müssten, um irgendwelche Informationen zu finden, dann würden sie nicht benutzen.

Welche Themen sind die meist diskutierten?

Wir haben diese Funktion "Karrieretipps und Mentoring": Da können Leute Fragen stellen, und andere geben als Mentoren Antworten. Viele Mitglieder beschäftigen Fragen rund um die berufliche Veränderung. Das ist ein roter Faden, der sich durch alle Themen zieht. Die Arbeitswelt ändert sich ja derzeit rasant: Digitale Transformation, aber auch Arbeitsformen - wie wir miteinander kommunizieren, wie wir miteinander umgehen, wie wir zusammenarbeiten.

Welche Frage haben Sie zuletzt als Mentor beantwortet?

Jemand war lange Jahre in der Unternehmensberatung und wollte gerne in eine Marketing-Funktion wechseln. Das passte gut, weil meine berufliche Vita ähnlich verlaufen ist.

Was war Ihr Rat?

Es war eine längere Antwort, das ist ja nicht trivial. Als Unternehmensberater ist man eher Generalist. Da muss man schon sehr genau herausfinden, was die eigenen einzigartigen Super-Spezialistenkenntnisse sind, die man herausstellen kann - auch wenn es vielleicht Soft Skills sind.

Eine andere Anfrage kam von einer sehr jungen Berufsanfängerin, die wissen wollte, welche Entscheidungen ich bereut hätte.

Und?

Ich habe geantwortet: No regrets!

Einer der Kritikpunkte an LinkedIn ist oft, dass viele Leute ihre Kontakte als Vertriebsplattform nutzen wollen. Das nervt.

Digitale Plattformen sind eine Spiegelung des realen Lebens. Sie verstärken nur manche Effekte. Wir versuchen, gegen Spammer vorzugehen. Es ist aber auch wieder ein bisschen Selbstregulierung. Langfristig bauen solche Leute ja ein schlechtes Image auf. Unsere Mitglieder können Spamming melden, und wir kümmern uns darum, dass solches Verhalten abgestraft wird.

Was war die letzte Kontaktanfrage, die Sie abgelehnt haben?

Ich kriege inzwischen nicht mehr so viele Anfragen. Man kann ja verschiedene Funktionen aktivieren, zum Beispiel die Follower aktivieren - wenn dann jemand auf ihr Profil geht, ist die erste Aktion nicht mehr "Vernetzen". Die nächste Stufe ist, nur Kontaktanfragen von Leuten zuzulassen, die auch Ihre Emailadresse haben. Das habe ich aktiviert. Ich rate unseren Mitgliedern, Kontaktanfragen nur anzunehmen, wenn man die Leute mit denen man sich verbindet, auch offline kennt oder mit ihnen verbunden sein möchte.

Wo sehen Sie die Umsatztreiber für LinkedIn?

Im Wesentlichen im B2B-Bereich. Wir sind sehr zufrieden mit unserem Wachstum in allen Bereichen. Wir haben vier Geschäftsbereiche: Talent Solutions, Marketing Solutions, Sales Solutions und Learning Solutions. Im Bereich Fortbildung steckt sehr viel Potential. Vor einigen Jahren haben wir Lynda gekauft. Das ist wie Netflix für Fortbildung, mit Videos von Branchenexperten. Wir haben die größte deutschsprachige Datenbank an Inhalten für Fortbildungskurse. Für die Talent Solutions haben wir kürzlich Glint ins Unternehmen aufgenommen, ein Tool zur Messung und Verbesserung des Employer Engagements: Was passiert mit den Mitarbeitern innerhalb der Firma? Wie zufrieden sind sie? Was sind deren Bedürfnisse? Wie muss ich sie weiterentwickeln?

Unser Economic Graph bildet den Arbeitsmarkt ab. Wir haben auf LinkedIn die Arbeitnehmer, deren Skills, die Arbeitgeber, Stellenangebote und die ganzen Ausbildungseinrichtungen. Über diese Teilnehmer und deren Verbindungen untereinander können wir, wie wir das jüngst für München gemacht haben, abbilden: Was passiert in der Stadt? Welche Fluktuationen gibt es, wo sind Skill Gaps, welche Fachkräfte sind überdurchschnittlich vertreten? In welche Ausbildungen sollte man investieren? Wie ausgeprägt ist der Gender Gap? Städte stehen heute in starkem Wettbewerb zueinander. Berufliche Mobilität ist in Deutschland immer noch nicht sehr stark ausgeprägt, aber bei der jüngeren Generation steht Berlin nicht unbedingt nur mehr in Wettbewerb mit München, sondern auch mit Lissabon, Barcelona und London. Und für Unternehmen ist es interessant, sich anzuschauen: Wo könnte der beste Standort für mein nächstes Entwicklungszentrum sein? Wo wohnen die Leute, die ich brauche?

Xing setzt vor allen Dingen auf eigene Inhalte.

Wir sind kein Medienhaus, aber wir legen großen Wert auf qualitativ hochwertige Inhalte und haben eine eigene Redaktion, die einen täglichen Nachrichtenüberblick schreibt. Unser Fokus liegt allerdings darauf, dass unsere Mitglieder ihre eigene Expertise zeigen und sich austauschen können. Seit kurzem haben wir, bald auch in Deutschland, Live-Video. Am Anfang waren viele Leute skeptisch, ob man das im beruflichen Umfeld braucht, aber die Ergebnisse sind super. Man kann sich auf LinkedIn zum Influencer aufbauen.

Dann müssen Firmen umdenken, die bisher gewohnt waren, dass jedes Statement, das ein Mitarbeiter von sich gibt, autorisiert sein muss.

Kontrollverlust ist ein wichtiges Thema. Es erfordert ein gewisses Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter, aber es ist nicht so schwierig, da zu definieren, was die dürfen und was nicht. Generell ist die Membran zwischen Innen- und Außenwelt von Unternehmen viel durchlässiger geworden. Man sollte deshalb die Werte der Firma gut verankern und klarmachen, dass jeder Verantwortung trägt. Die Realität heute ist, dass ein Unternehmen auch mit mehreren Stimmen sprechen kann. Das fordert von der Führung einer Firma eine klare interne Kommunikation: Was ist unsere Richtung? Worauf legen wir Wert? Wie gehen wir mit unseren Kunden um? Und dann ist das Problem gar nicht mehr so groß. Wenn ich die Mitarbeiter allerdings intern nicht als Erwachsene behandele, dann kann ich auch nicht erwarten, dass sie sich nach außen hin so benehmen.

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