Freitag, 28. April 2017

Karriere - zwei Drittel zählen sich zum besten Viertel Warum Selbstüberschätzung super ist

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Geheimnis der Psyche" von Leon Windscheid, in dem der Autor die Mechanismen analysiert, die unser Handeln oft unbewusst bestimmen. Der 29-jährige Psychologe hatte bereits als Schüler sein erstes Unternehmen gegründet. 2015 gewann er in Günther Jauchs Fernsehshow "Wer wird Millionär" eine Million - und führt das auf seine Überzeugung zurück, dass man mit dem richtigen Training (fast) alles erreichen kann. Seinen Text über falschen Umgang mit Kosten finden Sie hier- und hier den über die Kunst des richtigen Verhandelns mit Dönerkönigen und Autohändlern. Außerdem: Wie soziales Faulenzen ganze Teams lahmlegen kann.

Ein Problem mit Psychologiestudenten ist, dass alle aus der Schule sehr gute Noten gewohnt sind. Sie erinnern sich, Streber und so. Als wäre es eine süße Droge, scheint dann niemand bereit, im Studium von dem Anspruch nach Höchstleistung abweichen zu wollen. Das ist ärgerlich, denn die Professoren können ja schwerlich allen eine Eins geben. Genau das ist aber die Erwartungshaltung. Nicht nur bei uns Psychologen. Meine Jura- und Medizin-Freunde waren mindestens genauso ambitioniert, immer zu den besten 10 Prozent zu zählen.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass die 90 anderen Prozent schlechter sein müssen. Man kann jedoch einfach berechnen, dass die Hälfte aller Studenten schlechter als der Durchschnitt sein muss. Sonst gäbe es den Durchschnitt ja nicht.

Buchtipp

Leon Windscheid
Das Geheimnis der Psyche: Wie man bei Günther Jauch eine Million gewinnt und andere Wege, die Nerven zu behalten


Ariston, 3/2017, 288 Seiten, 19,99 Euro

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Genau auf diese Problemlage wollte einer unserer Professoren uns gleich zu Beginn der Unilaufbahn mit einer kleinen Frage hinweisen. Kurz bevor die ersten Klausuren anstanden, fragte er die versammelte Mannschaft im Hörsaal, welche Leistung man von sich selbst im Vergleich zu den anderen im Raum erwarten würde. Entschieden werden sollte anonym. Alle sollten auf einem kleinen Zettel eine von drei Optionen notieren: unterdurchschnittlich, durchschnittlich oder überdurchschnittlich. Den Zettel sollten wir zur Klausur mitbringen.

Gesagt, getan. Ein paar Wochen später standen die Ergebnisse fest. Zu Beginn seiner Vorlesung zeichnete der Professor die Verteilung der Noten als vier Balken an die Tafel. Nebeneinander erinnerten die Balken an drei Hochhäuser mit minimal unterschiedlich vielen Stockwerken und einem kleinen Gartenhaus daneben. Hochhaus Nummer eins war der Einser-Notenbereich. Sagen wir mal 50 Stockwerke. Hochhaus Nummer zwei war der Zweier-Bereich mit vielleicht zwei Stockwerken mehr. Hochhaus Nummer drei war der Dreier-Bereich, wieder mit 50 Stockwerken.

Zwei Drittel zählen sich selbst zum besten Viertel

Daneben das Gartenhaus für die paar wenigen mit einer ausreichenden Leistung. Die Auswertung der kleinen Zettel mit unseren Leistungserwartungen zeichnete aber ein ganz anderes Bild.

Hochhaus Nummer drei und das Gartenhaus waren weg. Dafür waren die Hochhäuser Nummer eins und zwei jetzt fast doppelt so hoch.

Die Hälfte hatte für sich eine durchschnittliche Leistung erwartet, die andere Hälfte sogar eine überdurchschnittliche. Von einer unterdurchschnittlichen Leistung war keiner ausgegangen. "Willkommen in der fabelhaften Welt der Psychologie", fasste der Professor dieses Ergebnis süffisant zusammen und begann seine Vorlesung über die "Vermessenheitsverzerrung", also den uneingeschränkten und oft ungerechtfertigten Glauben an die eigenen Fähigkeiten.

Die Forschung ist sich einig: Wir Menschen überschätzen unsere Fähigkeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen. Klassiker auf dem Gebiet sind Umfragen, in denen sich die überwältigende Mehrheit der Befragten für überdurchschnittlich gute Autofahrer hält.

Andere Forschungsergebnisse zeigen, dass männliche und weibliche Studenten ihre Intelligenz überschätzen und männliche auch noch ihre Attraktivität. Und mehr als 90 Prozent der in einer Studie befragten Dozenten halten sich für besser als den Durchschnitt, und mehr als zwei Drittel zählen sich sogar zu den besten 25 Prozent.

Testen wir die Vermessenheitsverzerrung einmal mit Ihnen. Mit wie viel Kilometern in der Stunde fliegt die internationale Raumstation ISS durchs All? Wie viele Tonnen wog die Titanic? Und wie viele Stellen hat die größte bekannte Primzahl? Ich möchte keine einzelnen Zahlen von Ihnen wissen, sondern einen Bereich. Eine Zahl unten und eine Zahl oben. Wählen Sie die Grenzen des Bereichs weit genug, sodass die gesuchte Zahl mit großer Sicherheit, sagen wir zu 90 Prozent, irgendwo dazwischen liegt. Damit Sie nicht unbewusst schummeln, machen wir hier einen Seitenumbruch.

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