Mittwoch, 15. August 2018

Die Antwort auf Künstliche Intelligenz und Digitalisierung Wie wir künftig lernen müssen

Gegenhalten: Tischtennisprofi Dimitrij Ovtcharov spielt bei der Hannover Messe gegen einen Roboter.

Was wir heute unter Bildung und Wissen verstehen, hat etwas von einem Museum. Erst sammeln wir, was Wissenschaftler herausgefunden haben, was wir selber für Erfahrungen gemacht haben, was wir in der Zeitung gelesen haben, was Experten vermitteln und so weiter.

Der logische Haken ist, dass wir nur Vergangenes sammeln können. Und daraus wählen wir aus: Und zwar immer das, was uns in unser vorhandenes Weltbild am besten passt und nichts davon ins Wanken bringt. Dieser Haken Nr. 2 ist eine unserem Hirn eigene kognitive Verzerrung, der sogenannte "Confirmation Bias", eine Art natürliche Ignoranzfunktion, die Selbstzweifel und die damit einhergehende Möglichkeit einer Veränderung recht erfolgreich verhindert. Unser deutsches "Bildungsmuseum" folgt genau dieser Logik: Unsere Bildungsinhalte sind zwangsläufig Vergangenheit und zu unseren bestehenden Ordnungen passend ausgewählt. Dass wir genau mit der Vergangenheit im Kopf in der Gegenwart und an der Zukunft arbeiten, betoniert vielleicht ungeplant, aber bestimmt nicht für jeden unwillkommen, unsere bestehenden Ordnungen ein.

Lange Zeit hat das so funktioniert. Nicht schlau, aber risikoarm. In den Hochgeschwindigkeitsdimensionen von künstlicher Intelligenz, virtueller Realität, Internet of Things, Kybernetik und Social Engineering plus einem Innovationsführerschaftsanspruch von Silicon Valley und Shenzhen allerdings ist diese Logik brandgefährlich. Die Museumslogik sagt: "Schau ins Gestern und such Dir was Passendes für heute und morgen aus."

Den Corporate-Learning-Kontext trifft diese Logik besonders: Der Weiterbildungskatalog eines Unternehmens ist gemeinhin so konzipiert, dass er mit klassischer Wissensvermittlung für die Performance und den Erfolg der bestehenden Organisation sorgt. Das gilt in der Mehrzahl der Fälle auch für das Kapitel "digitale Weiterbildung". Da lernt man dann zum Beispiel über den Algorithmus von Facebook und wie der Werbung ausspielt. Oder wie man bei Google möglichst weit oben rankt. Und wie Real-Time-Advertising funktioniert. Besser gesagt: wie das gestern noch war.

Weil sich die digitalen Spielregeln, Technologien, Algorithmen, Plattformen nämlich tagtäglich ändern und heute schon wieder alles anders ist. Die Museumslogik funktioniert hier nicht. Schlimmer noch: sie spiegelt Wissen vor, das eigentlich gar nicht vorhanden ist. Und betoniert damit schon wieder was ein: die Offenheit, morgen das Gegenteil von dem zu lernen, was man heute gelernt hat. So wird daraus kein Beitrag zu digitaler Transformation und Innovationskraft eines Unternehmens, sondern das Gegenteil. Wenn wir lernen ernst meinen - im Sinne von echter und zwangsläufiger Transformation -, müssen wir unsere Museumslogik an den Nagel hängen.

Hier nun ein Vorschlag für ein neues Verständnis von Bildung: das Vorwärtslernen. Die Logik dahinter: "Mach was, lern daraus und fang wieder von vorne an: mach was ...".

Bei dieser Idee von Bildung geht es darum, vom Nichtwissen aus ohne Umwege sofort ins Handeln zu kommen und im Handeln zu lernen. Idealerweise gemeinsam mit Gleichgesinnten und Experten. Es geht hier nicht darum, aus der Vergangenheit zu lernen und daraus Antworten für die Zukunft zu erhalten, sondern die richtigen Fragen zu stellen und mit Zukunftsdingen zu experimentieren.

Der Lehrer als Allwissender steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern der Lernende als Ausprobierender. Methoden, die Vorwärtslernen unterstützen, sind zum Beispiel Design Thinking, Sprints, Scrum oder Hackathons. Für den Corporate-Learning-Verantwortlichen heißt das, dass er ab sofort zweigleisig fahren muss. Für die Weiterbildung der Kollegen im Hinblick auf die Optimierung des bestehenden Geschäfts ist der klassische Weiterbildungskatalog immer noch absolut zweckdienlich.

Für die transformierende Bildung der Kollegen im Hinblick auf Digitalisierung und Innovation muss ein neues Lernkonzept her. Dessen Eckpfeiler könnten zum Beispiel so aussehen:

1. Der Arbeitsplatz wird zum Lerncampus. Zum Beispiel werden Tech-Innovationen zum Ausprobieren in die Arbeitsumgebung eingebaut.

2. Arbeitsprojekte werden zu Lernprojekten. Für ausgesuchte Arbeitsprojekte werden nicht mehr nur (wenn überhaupt) Performance-Ziele, sondern (vor allem) auch Lern- und Innovationsziele definiert.

3. Learning Communities - zum Beispiel regelmäßiger, moderierter Erfahrungsaustausch zwischen Teilnehmern unterschiedlicher Lernprojekte oder ein Club für die Treiber der digitalen Transformation - verzigfachen und verstärken Digital-Learnings, die sonst jeder immer nur für sich selber macht.

Machen Sie das und lernen Sie vorwärts!

Simone Ashoff ist Gründerin der Good School für digitale Transformation.

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