Mittwoch, 19. September 2018

Arbeitsleben und Gefühle Wie geht Kollegialität?

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Kollegen gehören ebenso zu unserem Berufsalltag wie die Arbeit selbst. Sie stehen uns zur Seite, machen uns Freude und manchmal auch das Leben zur Hölle. Was ist das Wesen von Kollegialität? Und wieso ist sie so wichtig?

Das Beste an der Schule waren meine Klassenkameradinnen. Tage, die sich unendlich lang dahinzogen, mit einer Doppelstunde Mathe am Nachmittag, wurden durch sie erträglich. Dadurch, dass wir uns Briefchen schrieben, tuschelten oder in der Pause heimlich vom Schulgelände türmten, um uns eine Zigarette zu teilen. Gemeinsam regten wir uns über ungerechte Lehrer auf, ließen die anderen abschreiben, weinten zusammen auf dem Klo und trösteten uns gegenseitig. Frei von Missgunst, Intrigen und Lästereien waren wir dabei nicht - wir waren schließlich Teenager! - Aber: Wir fühlten uns als Solidargemeinschaft, als Freundinnen, die immer zusammenhielten.

Im Arbeitsleben ist so eine leidenschaftliche Eingeschworenheit unter Kollegen selten - vermutlich auch zu Recht, schließlich kann Gruppendenken, vor allem dann, wenn es fanatisch wird, Übles anrichten. Gerade wenn man neu in ein Unternehmen kommt, ist Professionalität gefragt. Man findet als Neuling etablierte Strukturen vor, denen man sich erst einmal fügen muss - dazu gehören auch die Mitarbeiter.

Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wie "der Laden" so tickt, und findet entweder seine Rolle in dem Ganzen oder macht sich wieder auf den Weg. Schnell bemerkt man - der Schulsituation nicht unähnlich -, dass Kollegen eine Menge ausmachen. Sie können den Arbeitstag versüßen, manchmal den Job erst richtig gut sein lassen oder einem das Leben zur Hölle machen. Mobbing ist die extremste Form nicht vorhandener Kollegialität, die Menschen mitunter tiefe Traumata zufügt. Auch diese Grausamkeit kennt man bereits aus der Schule. Sucht man im Internet nach Einträgen über "Kollegen", findet man viele Tipps, wie man mit schwierigen Bürogenossen umgehen sollte.

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Ausgabe 1/2018

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Dass man mit einigen Kollegen nicht gut zurechtkommt, scheint also verbreitet zu sein. Dabei verbringt man mit Kollegen teilweise mehr Zeit als mit der Familie oder Freunden, sie kennen einen unter Stress, unausgeschlafen und frustriert, ebenso wie ausgelassen tanzend auf der Weihnachtsfeier oder plaudernd über Privates beim Mittagessen. Trotzdem unterscheidet man klar zwischen Freunden und Kollegen und spürt intuitiv, wann man von einer Sphäre in die andere wechselt.

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Was macht dieses besondere Kollegenverhältnis aus? Und welche Rolle spielt Kollegialität unter Kollegen? Zwischen Kollegen gilt, nüchtern betrachtet, das, was der Soziologe Niklas Luhmann "Gesetz des Wiedersehens" nannte. Luhmann meinte damit zwar vor allem die Beziehung zwischen Chef und Mitarbeiter, doch auf Kollegen scheint dies ebenfalls zuzutreffen. Anders als Freunde sucht man sie sich in der Regel nicht aus, und man muss mit denen zurechtkommen, die da sind.

Es nützt daher nichts, wutentbrannt die Tür hinter sich zuzuschlagen, früher oder später wird man wieder miteinander zu tun haben, und dann wird es einem womöglich leidtun, die Beherrschung verloren zu haben. Das bedeutet, dass Kollegen in erster Linie an einer Beziehung interessiert sind, die es möglich macht, miteinander zu arbeiten - alles andere ist zweitrangig.

Zu dem sozialen Bedürfnis, in einem angenehmen Betriebsklima zu arbeiten, kommt das wirtschaftliche Interesse am Erfolg der gemeinsamen Arbeit. Versteht man sich gut, hält man sich wahrscheinlich weniger mit Streitereien auf, es gibt weniger Missverständnisse, und man kommt auch lieber zur Arbeit. Wie stark man sich mit den Unternehmenszielen identifiziert, kann also dazu beitragen, wie viel Energie man in ein gutes Verhältnis zu den Kollegen zu stecken bereit ist. Wem seine Arbeit relativ egal ist, der wird sich vielleicht schon damit zufriedengeben, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, während der motivierte Mitarbeiter auch die kollegialen Beziehungen möglichst ideal gestalten möchte.

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