Dienstag, 26. September 2017

Die Wahrheit über Körpersprache (3) Sagen Mimik und Gestik wirklich mehr als 1000 Worte?

Daimler-Hauptversammlung: Was der Chef sagt, ist wichtig. Wie es bei den Aktionären ankommt, darüber entscheiden in hohem Maße Stimme und Körpersprache

Bauch rein, Brust raus, Knie zusammen - denn auf den Auftritt kommt es an, weniger auf den Inhalt. Wie Körpersprache funktioniert, glaubt jeder zu wissen. Doch bei näherem Hinsehen stellt sich heraus: Ganz so einfach ist es nicht. Viele der landläufigen Interpretationen von Körpersprache sind nichts weiter als Mythen. Eine Aufklärung in fünf Teilen.

Es gibt da eine Studie aus den 1960ern, die zu belegen scheint, dass die menschliche Kommunikation zu 55 Prozent aus Körpersprache besteht und zu 38 Prozent aus stimmlichen Faktoren. Nur zu 7 Prozent der wahrgenommenen Information mache tatsächlich der Inhalt des Gesagten aus.

Wirklich? Nicht inhaltsbezogene Faktoren bestimmen 93 Prozent der menschlichen Kommunikation? Kann das richtig sein? Auch nur annähernd?

Stellen wir uns eine Hauptversammlung vor, bei der der Vorstandsvorsitzende von 100 Minuten Redezeit 93 Minuten lang Grimassen schneidet und mit den Armen rudert und nur sieben Minuten Inhalt liefert. Wir alle würden uns vor allem eine Frage stellen: Geht's noch?

Der missverstandene Psychologe

Buchtipp

Stefan Verra
Hey, dein Körper spricht!: Worum es bei Körpersprache wirklich geht

Edel Germany, März 2015, 240 Seiten, 14,95 Euro

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Die genannte Studie von Albert Merhabian wird von vielen missinterpretiert, denn sie war ganz anders angelegt, als sie heute ausgelegt wird. Der Psychologe wollte nur herausfinden, mit welcher Form der Kommunikation wir den Inhalt unserer Worte am stärksten beeinflussen können.

Wenn ich also sage: "Albert", kann ich dies mit neutralem Gesichtsausdruck und angenehmer Stimme sagen. Ich kann es aber auch mit gesenkten Augenbrauen, die Stirn bietend, mit geballten Fäusten und zitternden Lippen sagen. Oder ich kann es mit einem sexy Blick über die Schulter, mit einem kecken Lippenlecken und gehauchtem Tonfall à la Marylin Monroe tun. Jedes Mal war der Inhalt des Gesagten derselbe: "Albert". Die Bedeutung wurde jedoch durch die Art und Weise, wie es gesagt wurde, stark beeinflusst. Einmal war die Aussage neutral, einmal bedrohlich und einmal erotisch.

Marilyn Monroe: Wenn Sie "Albert" haucht, klingt das nicht gerade bedrohlich
Getty Images
Marilyn Monroe: Wenn Sie "Albert" haucht, klingt das nicht gerade bedrohlich

Was Merhabian mit seiner Arbeit belegt hat, war also etwas, das wir eigentlich seit den alten Griechen schon wissen: Es kommt wohl drauf an, was wir sagen. Allerdings verstehen die Menschen seine Bedeutung erst, wenn sie erkennen, wie wir es tun. Und zu diesem Wie trägt die Körpersprache nach Merhabians Erkenntnissen eben zu 55 Prozent bei und der stimmliche Ausdruck zu 38 Prozent.

Der Inhalt selbst trägt also zur Bedeutung seiner selbst nahezu nichts bei. Welch ein Wunder! Er ist einfach nur eine reine Information auf einem weißen Blatt Papier.

Zurück auf die Hauptversammlung: Der Chef verkündet die Quartalszahlen: "Unser Wachstum betrug in den vergangenen drei Monaten 4,7 Prozent." Das war die reine Information. Aktionäre, Analysten und Mitarbeiter werden ihn bei seiner Rede aber genau beobachten um zu erkennen, ob er mit diesem Wachstum zufrieden ist oder nicht. Das nämlich verraten sein Tonfall, aber vor allem die Mimik und Gestik, die seinen Vortrag begleiten.

Inhalt ist wichtig - ob man ihn glaubt, darüber entscheiden Stimme und Körpersprache

Weil das so ist, reicht es uns zum Beispiel auch nicht, das Programm einer Partei zu lesen, um unsere Wahlentscheidung zu treffen. Im Gegenteil, nur äußerst wenige Menschen lesen Parteiprogramme überhaupt. Wir brauchen Botschafter, die uns den Sinn dieses Programms vermitteln. Je glaubwürdiger, energetischer und auch sympathischer ein Politiker dies tut, desto eher sind wir gewillt, ihn und seine Partei zu wählen. Darf man daraus jetzt schließen, das Programm der Partei sei unwichtig? Natürlich nicht, das wäre schlichtweg falsch.

Wenn Sie also wiedermal irgendwo hören oder lesen, dass der Inhalt nur 7 Prozent der wahrgenommenen Information ausmache, raten Sie dem Urheber, die Studien genau zu lesen, auf die er sich beruft - bevor er Humbug erzählt.

Der Inhalt einer Aussage ist wichtig! Immer. Aber ob man diesen Inhalt glaubt, darüber entscheiden Stimme und Körpersprache.


Was mich noch interessiert: Was empfinden Sie als wichtiger? Die Körpersprache oder den Inhalt der Worte? Schreiben Sie mir dazu eine E-Mail: info@stefanverra.com


Unser Gastkommentator Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Deutschland. Er ist Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Verra ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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