Sonntag, 24. März 2019

Mit Planung verengt sich der Blick Karriereplanung? Bloß nicht!

Einsteigen, Knopf drücken, Aufwärts? Wenn es man so einfach wäre mit der Karriere ... Wer allerdings zu viel und detailliert plant, übersieht womöglich Chancen
Helene Endres
Einsteigen, Knopf drücken, Aufwärts? Wenn es man so einfach wäre mit der Karriere ... Wer allerdings zu viel und detailliert plant, übersieht womöglich Chancen

Zu viel Planung führt zu Tunnelblick. Wer locker bleibt und seine Chancen wahrnimmt, findet schon seinen Weg.

2018 nähert sich seinem Ende und viele Menschen ziehen Bilanz: Was ist gut gelaufen? Was weniger gut? Noch mehr konzentrieren sich auf die Zukunft und planen für das neue Jahr: Was muss passieren in den kommenden zwölf Monaten? Was gilt es unbedingt zu vermeiden? Für die meisten steht neben Familie und Finanzen der Job im Zentrum der Analyse. Die Medien machen es schließlich vor mit ihren Jahresend-Betrachtungen der Winner und Loser 2018. Und zu den Losern 2019 will in zwölf Monaten keiner gehören.

Heiner Thorborg
  • Copyright: Michael Dannenmann
    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Aber warum eigentlich nicht? Meiner Erfahrung nach lernen Menschen deutlich mehr aus ihren Fehlern als aus ihren Erfolgen. Gerade, wenn es um den Beruf geht. Schon wahr, so manch einer mag es ganz nach oben schaffen, ohne sich je einen schweren Lapsus geleistet zu haben. Dennoch gilt die Regel: Diejenigen, die sich oben halten, haben irgendwann in ihrer Laufbahn massive Fehler begangen, sie verdaut und aus ihnen gelernt.

Dieser Prozess des Verarbeitens und Wiederaufstehens hat sie stabiler gemacht, weiser und menschlicher. Sie wissen jetzt, dass es manchmal ganz schön knallt im Leben - und nicht nur zu Silvester! -, sie wissen aber auch, dass es ein Leben nach der Katastrophe gibt. Ein Dasein womöglich, dass sogar besser und erfüllender ist als der Zustand vor dem Fall.

Wer "Karriereplanung" googled, bekommt rund 800.000 Links mit Empfehlungen - und das sind nur die deutschsprachigen Artikel. Ein kurzer Scan zeigt: So ziemlich alle gehen davon aus, dass es hilfreich und sinnvoll ist, wenn nicht gar lebensnotwendig, die eigene Laufbahn zu planen wie eine Besteigung des Mount Everest.

Ich habe den Himalaja nur von unten gesehen, jedoch in Dekaden als Personalberater viele, viele Menschen und ihren Aufstieg (und manchmal auch ihren Abstieg) beobachtet. Die einzige Feststellung, die wohl für beide Welten stimmt - die des Hochgebirges und die der Niederungen des Büros - ist: Je höher es geht, desto dünner wird die Luft. Doch was lehrt uns das für den Job? Eigentlich gar nichts, denn eine Sauerstoffmaske trägt im Büro garantiert nichts zum beruflichen Erfolg bei.

Betreibt das Gegenteil von Karriereplanung!

Nach all den Jahren als Personalberater sage ich: Leute, betreibt das Gegenteil von Karriereplanung! Lasst diese Listen sein, in denen steht: "Mit 30 Jahren will ich X erreicht haben, mit 35 Y und mit 40 Z." Die Erfahrung lehrt: Das wird nichts, denn eine Karriere lässt sich ebenso wenig durchplanen wie das Leben selbst. Und warum sollten wir das beklagen? Planung bedeutet schließlich auch, dass der Blick sich verengt, dass Chancen nicht mehr gesehen werden und dass viele interessante Aus- und Einsichten, die hinter den Kurven und Hügeln entlang des Weges liegen, nicht mehr wahrgenommen werden. In anderen Worten: Was nutzt es, so schnell wie möglich aufzusteigen, nur um dann festzustellen: Oh Mist, ich stehe auf dem falschen Berg!

Ich kenne eine ganze Reihe erfolg- und einflussreicher Topführungskräfte, die, jede auf ihre Weise, Nachwuchskräften auf Anfrage mitteilen: Es geht nicht darum, dass du dich für einen Job passend machst, sondern darum, dass du eine Aufgabe findest, die zu dir passt. Denn nur, wenn Person, Aufgabe und Zeitpunkt zusammenpassen, entsteht Erfolg.

Ich kenne noch mehr Leute, die auf eine vermeintliche professionelle Katastrophe zurückblicken und sagen: "Hui, zum Glück ist das damals passiert, denn wäre alles so geblieben, wie ich es geplant habe..." und dann folgen individuell jeweils andere Aussagen. Diese reichen von "...hätte ich nie kapiert, dass mir der neue Job viel mehr Spaß macht" über "...hätte ich mit 50 einen Infarkt gehabt" und "...hätte ich den Mentor niemals kennengelernt, der mir die Augen geöffnet hat" bis hin zu "...hätte ich nie verstanden, wie interessant meine heutige Branche ist" oder "...dass es mir viel mehr liegt, selbständig als Unternehmer zu arbeiten." Diese Liste ist beliebig und übrigens nahezu endlos verlängerbar.

Machen Sie also das Gegenteil von Karriereplanung und nutzen Sie die Chancen, die sich Ihnen auftun. Sollten Sie ein schwieriges Jahr 2018 hinter sich haben: Wer weiß, wofür es gut war? Nur Mut, es wird auch wieder besser. Sollten Sie ein exzellentes Jahr hinter sich haben: Seien Sie dankbar, aber führen Sie es nicht auf Ihre eigene gute Planung zurück, denn das Universum könnte auch für Sie die eine oder andere Überraschung bereithalten.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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