Donnerstag, 15. November 2018

Topmanager Jogi Löw in der Kritik Eine Blutgrätsche

Löw, Bierhoff, Koepke: Das war wohl nix

Der Topmanager Jogi Löw hat Fehler gemacht. Ihm deswegen soviel Hybris zu unterstellen wie einem verurteilten Wirtschaftskriminellen, ist jedoch ein grobes Foul.

Natürlich kann man einen Bundestrainer mit einem Topmanager vergleichen und eine Fußballmannschaft mit einem Bereich in Unternehmen. Aber nur, weil so ein Team nicht performt, wie die Nation oder der Markt es sich wünschen, gleich die Art von Hybris und Selbsttäuschung zu diagnostizieren, die Wirtschaftskriminelle vor den Kadi bringt, ist ein starkes Stück.

So schreibt Irina Kummert, Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, bei mm online: "Ein Thomas Middelhoff mutiert unter den Augen der Öffentlichkeit vom Ausnahmetalent zum Betrüger, gegen den einflussreichen VW-Vorstand Martin Winterkorn wurde ein Haftbefehl erlassen und der als unantastbar geltende Audi-Chef Rupert Stadler sitzt in Untersuchungshaft. Vermutlich hätte keine der genannten Personen eine solche Entwicklung im Entferntesten für möglich gehalten. Dasselbe gilt sicher, wenn auch in anderem Kontext, für Jogi Löw und das Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde."

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".
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Dieser Einwurf stellt Zusammenhänge her, die so nicht existieren und könnte sogar - wäre das nicht zu ironisch - als unethisch bezeichnet werden. Schließlich ist es mindestens so schwierig, mit der Erwartungshaltung eines ganzen Volkes umzugehen, wie mit der von Analysten und Investmentfonds. Daran scheitern auch ganz Große, wie zuletzt das Beispiel General Electric Börsen-Chart zeigen gezeigt hat. Das ehemalige Sieger-Unternehmen ist nach mehr als 120 Jahren aus dem wichtigen US-Börsenindex Dow Jones geflogen. Auch das ist ärgerlich, hat aber mit Betrug genauso wenig zu tun wie das Versagen der Deutschen Elf.

Andere qualifizieren sich erst gar nicht, auch das passiert den Meistern in ihrem Fach wie Facebook, Google oder Amazon, die trotz massiver Wertschöpfung alle gar nicht erst im Dow vertreten sind. So kann es auch im Fußball gehen: Italien - auch ein ehemaliger Weltmeister - oder die Niederlande - mehrfach im WM-Finale - durften für diese WM erst gar nicht erst anreisen.

Dem Fluch des Bewährten sind auch schon andere als Löw erlegen

Jogi Löw hat Fehler gemacht, keine Frage, sonst wäre die Mannschaft nicht in der Vorrunde ausgeschieden. Tatsächlich hat er nach dem Erfolg in Brasilien vor vier Jahren vermutlich zu sehr auf Altbewährtes gesetzt und zu wenig auf junge, neue Kräfte. Das ist nicht toll, aber eine weit verbreitete Sünde, die sich schon in dem in vielen Unternehmen gebräuchlichen Sprichwort ausdrückt: "Never change a winning team."

Dem Fluch des Bewährten sind schon ganz andere als Löw erlegen. So hat Microsoft ursprünglich das Internet unterschätzt, Apple Steve Jobs rausgeworfen, IBM sich in Sachen Cloud-Computing den Schneid von Amazon abkaufen lassen, die deutsche Autoindustrie den Trend zur eMobility unterschätzt - alles im Vertrauen darauf, dass vergangene Erfolge sich schon irgendwie in die Zukunft verlängern lassen werden.

Das kann man nun Schläfrigkeit nennen, Arroganz oder schlicht Dummheit, aber eine grobe ethische Verfehlung ist das nicht.

Auf in die nächste Arena: Viele Nationalspieler sind hoch qualifizierte Zeitarbeiter

Im Übrigen lässt sich auch der Mangel an Begeisterung im deutschen Team, mit dem Löw ganz offenbar zu kämpfen hatte, anders erklären als mit der Hybris des Chefs. Wer wie Mesut Özil bei seinem eigentlichen Club Arsenal in England geschätzte 250.000 britische Pfund die Woche verdient, nimmt ein Turnier wie die WM möglicherweise nicht ganz so ernst wie einen Anpfiff in der Premier League.

So sind viele Nationalspieler eben am Ende des Tages hoch qualifizierte Zeitarbeiter, die nach einem abgeschlossenen Projekt in die nächste Arena weiterziehen, fast wie die teuren Strategieberater in der Wirtschaft.

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Löw musste eine Gruppe von Superstars mit wechselnden Loyalitäten zu einem Team zusammenschmieden - das ist ein bisschen so, wie Elon Musk, Mark Zuckerberg, die Brüder Samwer, Dieter Zetsche, Dara Khosrowshahi und Ferdinand Piech zusammen zu trommeln, damit sie mit einem neuen Auto den Markt aufrollen. Das kann funktionieren - muss aber nicht. Wenn nur Diven aufspielen, gibt es beim Konzert schon mal Misstöne, da kann der Dirigent mit seinem Stab wedeln, solange er will.

Im Unternehmen kommt es darauf an, wie ein Chef mit seinem Scheitern umgeht. Zeigt er mit dem Finger auf andere, versucht er eigene Fehler zu verheimlichen - oder lernt er aus ihnen? Löw war nach dem Abpfiff selbstkritisch, sachlich, souverän und zukunftsorientiert - so, wie sich ein respektabler Mann und Manager nach einer Niederlage eben verhalten sollte.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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