Freitag, 29. Juli 2016

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US-Ökonom Jeremy Rifkin "Deutschland ist Vorreiter der dritten industriellen Revolution"

US-Ökonom Jeremy Rifkin glaubt an das Internet der Dinge, das unser Leben und Arbeiten grundsätzlich revolutionieren wird. Diese Woche wird er in Hamburg auf dem "New Work Day" sprechen.

mm: Herr Rifkin, Sie glauben, dass wir unmittelbar vor einer dritten industriellen Revolution stehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Internet der Dinge. Was kommt auf uns zu?

Rifkin: Das Internet der Dinge ist ein dreigeteiltes Internet: ein Kommunikationsnetz, ein Transportnetz, ein Energienetz. Es verbindet die ganze Wirtschaft. Sensoren verknüpfen jedes Gerät, jede Maschine und die Menschen miteinander. Heute haben wir das schon im Ansatz mit etwa 14 Milliarden verbauter Sensoren. Zum Beispiel in smart homes, smart cars, in der Logistik.

mm: Aber es gibt große Vorbehalte gegenüber der Nutzung von Big Data. Deutschlands frühere First Lady klagte gegen Google, Dienste wie Facebook und What's App werden von den aufgeklärteren Usern sehr sensibel genutzt. Wird das Internet der Dinge an Datensicherheit, Cyberkriminalität oder mangelnder Netzneutralität scheitern?

Rifkin: Die Gefahr besteht auf jeden Fall. Deshalb sollten wir ebenso viel Energie und Bewusstsein auf diese dunkle Seite des Internet legen. Es wird Reglementierungen geben müssen. Ich liebe Google Börsen-Chart zeigen , Twitter und Facebook Börsen-Chart zeigen, aber wenn die zu groß werden, zu Monopolen, dann müssen sie reguliert werden. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden die jungen Leute ein verbindliches Online-Recht fordern. Bei der Industrialisierung bildeten sich Gewerkschaften, und das war sehr wichtig. Jetzt wird es etwas geben müssen wie Gewerkschaften für das Internet. Denn die Chancen sind riesig: jeder könnte auf riesige Datenmengen zurückgreifen, seine eigenen Analysen am eigenen Computer machen. Er könnte seine eigene Energie erzeugen, mit 3-D-Druckern seine eigenen Produkte herstellen.

mm: Sie touren derzeit durch Europa, um über neue Arbeitswelten zu diskutieren, und sprechen am Freitag in Hamburg auf dem New Work Day im Rahmen des Kongress "Work in Progress". Wie werden wir 2050 arbeiten?

Rifkin: Es wird weniger harte Arbeit sein, sondern mehr hartes Spiel. Anstatt selbst physisch hart zu arbeiten, werden wir viel mehr geistig tätig sein. Es wird viel mehr darum gehen, Prozesse zu managen, zu programmieren. Unsere Enkel werden auf uns zurückschauen wie wir auf unsere Großeltern zurückschauen und sagen: Was war das für harte Arbeit. Sie werden sagen: Mein Großvater musste den ganzen Tag mit einem Lastwagen fahren und Waren transportieren! Und meine Urgroßmutter saß den ganzen Tag am Fließband! - und sie werden das völlig unvorstellbar finden.

mm: Aber wenn, wie Sie sagen, sehr viel unserer heutigen Arbeit automatisiert wird, Autos selbst fahren, Produkte in dezentral verfügbaren 3-D-Druckern überall einfach hergestellt werden können - wie wirkt sich das auf die Beschäftigung aus?

Rifkin: Für zwei Generationen, also mindestens die nächsten 40 Jahre, werden wir noch Vollbeschäftigung haben. Denn es gibt sehr viel zu tun: Zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien. Hier müssen bestehende Häuser energetisch saniert werden, Solar- und Windkraftanlagen gebaut, Speicherkapazitäten entwickelt, ein flächendeckendes Breitband-Netz gelegt, neue Mobilitätswege erschlossen, Tankstellen rückgebaut und Ladestationen für Elektromobilität installiert.

mm: Was wird aus den klassischen Industrien, aus deutschen Autobauern wie Audi, BMW, Daimler, VW?

Rifkin: Wir werden uns von einer Besitz- in eine Verfügbarkeitsgesellschaft wandeln. Man sieht das schon jetzt am Boom vom Carsharing, wo Deutschland übrigens weit vorne mit dabei ist - ganz im Gegensatz zu den Amerikanern, die kaum vom eigenen Auto lassen können. Für jedes geteilte Auto werden 15 Autos eingespart! Das kann die ganze Industrie in die Knie zwingen. Deshalb müssen die Autobauer umdenken, sie werden investieren in die Organisation von Mobilitätskonzepten, werden Elektro- und Wasserstoffautos entwickeln.

mm: Sprich: Wieder ein Job für Ingenieure. Was wird aus Nicht-Akademischen und nicht-technischen Berufen?

Rifkin: Die Sozialwirtschaft wird stark wachsen. Während wir weniger Leute brauchen werden, um Güter zu produzieren, wird dieser Bereich wachsen: Pflege, Kinderbetreuung, Bildung, Kultur, Sport, Unterhaltung, Umweltschutz. Dafür braucht es Hirn und Mensch- zu -Mensch Interaktion. Den Rest können Roboter übernehmen.

mm: Kennen Sie Götz Werner und sein Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens, das allen Bürgern einen gewissen monatlichen Sockelbetrag zusteht, unabhängig von Arbeit?

Rifkin: Oh ja, über ein Grundeinkommen habe ich schon 1995 geschrieben. Aber das ist nicht der Schlüssel. Wir werden neue Beschäftigung finden. Der Non-Profit-Sektor ist der am schnellsten wachsende Beschäftigungszweig in vielen Industrienationen. Abgesehen von den vielen Ehrenamtlichen und Freiwilligen, sie sich umsonst engagieren, sind Millionen Menschen hier angestellt. Nach einer Studie des Center for Civil Society Studies der Johns Hopkins Universität in Baltimore sind derzeit 56 Millionen Vollzeitkräfte weltweit im Non-Profit-Bereich angestellt. In vielen Ländern macht das mehr als zehn Prozent aller Beschäftigten aus - in den Niederlanden sind es zum Beispiel 16 Prozent, in Kanada zwölf.

mm: Aber ist der Non-Profit-Sektor nicht vor allem ein Spielfeld reicher Philanthropen und abhängig von Regierungsgeldern?

Rifkin: Die Hopkins-Studie zeigt auch, dass bereits heute etwa 50 Prozent des Umsatzes im Non-Profit-Bereich aus Gebühren für Dienstleistungen kommen. Die Unterstützung durch Regierungen macht 36 Prozent aus und von privaten Philanthropen kommen 14 Prozent.

mm: Wie weit sind wir in Deutschland eigentlich mit der Revolution, mit dem Internet der Dinge?

Rifkin: Sehr weit, Deutschland ist einer der Vorreiter, vor allem in Energiesektor durch die konsequente Umstellung auf grüne Energien. Europa kann hier jetzt seine zukünftige Rolle definieren: Eine schlaue Digitalisierung kann neue Geschäftsfelder erschließen in der Marktwirtschaft wie in der Tauschwirtschaft, kann die Produktivität steigern, Arbeitsplätze schaffen für Millionen von Leuten. Und eine grüne, ökologische Gesellschaft implementieren.

mm: Wie schließen Sie aus, dass der Rest der Welt abgehängt wird?

Rifkin: Chinas Premier Li Keqiang hat das Internet der Dinge begrüßt und will es umsetzen. Er möchte in den nächsten vier Jahren 82 Milliarden US-Dollar investieren, um ein digitales Energie-Internet durch China zu legen, so dass Millionen von Chinesen selbst durch Sonne und Windkraft Strom erzeugen können und ihren Überschuss verkaufen. Was wir jetzt brauchen ist ein neue eurasische High-Tech-Seidenstrasse, um die Märkte von Shanghai bis Irland zu verbinden.

mm: Eine schöne Vision….

Rifkin: ... eine alternativlose Vision: Sonst reisten wir in den Sonnenuntergang, mit einer verlangsamenden Wirtschaft, geringerer Produktivität, steigender Arbeitslosigkeit und einer immer stärker verschmutzten Umwelt.

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