Donnerstag, 13. Dezember 2018

Manager im Rentenalter "Erfahrung ist janusgesichtig"

Manager im Rentenalter: Steinwascher, Lafley, Mehdorn
Qoros; DPA; Reuters

Wer gehört wann zum alten Eisen? 70 Jahres sind die neuen 60 Jahre, sagt die Professorin und Alternsforscherin Ursula Staudinger im Interview mit manager magazin online. Und erklärt, warum viel Erfahrung auch gefährlich werden kann.

mm: Frau Professor Staudinger, Unternehmen wollen ihre älteren Mitarbeiter länger halten, unter Headhuntern ist die alte 50-Jahre-Schallmauer für Suchen im Top-Bereich passé. Ist die Personalnot so groß oder sind die Alten heute gar nicht mehr so alt?

Staudinger: Beides, in gewissem Sinn. Auf der einen Seite beginnen viele Unternehmen jetzt tatsächlich die Auswirkungen des demografischen Wandels zu spüren. Noch nicht unbedingt die großen Konzerne, aber gerade Mittelständlern fällt es nicht mehr so leicht, genügend Fach- und Führungskräfte zu rekrutieren. Da besinnt man sich natürlich auf die, die schon an Bord sind und wissen, wie das Geschäft läuft. Auf der anderen Seite müssen wir in der Tat unser Bild vom "Alter" revidieren - und haben das zum Teil auch schon getan.

mm: Wie sieht das neue Bild aus?

Staudinger: Es ist zunächst einmal jünger. Unser Körper ist so eingerichtet, dass wir uns "verbrauchen". Durch verbesserte Lebensbedingungen, weniger schädliche Umwelteinflüsse, gesündere Ernährung, bessere Bildung und medizinische Versorgung sowie weniger gefährliche Arbeitsumwelten hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Verbrauchs- zugunsten der Regenerationsrate verändert - im Schnitt steigt die Lebenserwartung seither jedes Jahr um drei Monate an. Dadurch haben sich einige kalendarische Grenzen verschoben. Konkret heißt das: Jemand, der heute 60 ist, ist physisch und mental so fit und leistungsfähig wie ein 50-Jähriger vor zwanzig Jahren.

mm: Dass ältere Menschen langsamer im Kopf sind, gilt nicht mehr?

Staudinger: Sicher nimmt mit den Jahren auch die Schnelligkeit ab, mit der neue Informationen verarbeitet werden können. Aber das passiert, wie gesagt, später und in abgeschwächter Form. Weil die Zahl der gesunden Lebensjahre wächst, sind derlei einseitig negative Altersstereotype überholt. Übrigens auch so manches positiv besetzte Klischee.

mm: Sie spielen auf die große Erfahrung an, die von Personalmanagern immer gern als "unverzichtbar" betont wird, wenn es um die Weiterbeschäftigung älterer Fach- und Führungskräfte geht. Was ist verkehrt daran, sich das Know-How der Erfahrenen zu sichern?

Staudinger: Gar nichts. Aber den permanenten, unreflektierten Lobgesang auf die Erfahrung Älterer halte ich für gefährlich.

mm: Warum denn?

Staudinger: Erfahrung ist janusgesichtig. Ab einem bestimmten Punkt haben gerade Fach- und Führungskräfte soviel Erfahrung, dass sie, aufgrund der Automatisierung, ihren Job mit relativ gesehen geringerer Anstrengung perfekt erledigen können. Danach schlägt der Effekt aber um: Je erfahrener ich in einem Bereich bin, desto weniger bin ich noch in der Lage, neue Details wahrzunehmen und angemessen zu reagieren. Das hat Konsequenzen für die Fähigkeit zur Veränderung. Die Forschung nennt das den "Negativ-Transfer" von Erfahrung oder Expertise.

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