Montag, 11. Dezember 2017

Personaler - der zweitwichtigste Job in Unternehmen Von wegen Gedöns!

Meeting: Was macht eigentlich die HR-Abteilung?
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Meeting: Was macht eigentlich die HR-Abteilung?

Warum der HR-Chef nach dem CEO den zweitwichtigsten Job im Unternehmen haben könnte.

Die Vertriebschefin eines US-Multinationals beschwerte sich unlängst über die HR-Abteilung ihres Konzerns: Sie habe neue Visitenkarten erbeten und als Antwort von den Personalern ein Formular bekommen, in dem sie erklären musste, wofür sie Visitenkarten brauche. So geht Personalarbeit natürlich auch: Bürokratisch, kleinkariert und ineffektiv.

In vielen Personalabteilungen herrschen leider immer noch die Lohnbuchhalter. Auch deswegen betrachten viele Macher-Typen solche Stabspositionen als "Gedöns" und daher als zweitklassig. Gekrönt wird das Elend der HR-Abteilungen durch das Vorurteil, dass die Konzerne dort mit Vorliebe Alibidamen platzieren, weil die Gleichheitsdebatte sie dazu zwingt und die PR-Abteilung dann etwas Positives zu vermelden hat. "Da können die Mädels wenig Schaden anrichten", ist dabei hinter vorgehaltener Hand noch immer die Haltung in vielen Organisationen.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich), die Initiative "Generation CEO", "The Female Factor" sowie thorborg&virzí mit den Standorten Frankfurt und Zürich.

Das ist bitter. Vor allem, weil Disruption, Diversity und Digitalisierung - was die FAZ "die drei großen D" der Geschäftswelt nennt - nicht zuletzt auch HR-Themen sind. Die Forderung, die Personaler mögen sich doch bitte aus ihrer Dienstleistungsfunktion heraus bewegen und zum strategischen Partner der Unternehmensführung werden, ist daher aktueller denn je. Ich behaupte gar, dass die Bedeutung des HR-Jobs künftig mit der des Finanzchefs gleichziehen wird. Oder sie gar überholt. Mit Ausnahme des CEO gibt es keine wichtigere Rolle im Unternehmen.

Geld alleine wird es nämlich nicht richten, wenn das Geschäftsmodell von der Entwicklung neuer Technologien (Einzelhandel durch Amazon!) oder von externen Faktoren bedroht wird (Autohersteller müssen im Kernmarkt China ab 2019 zehn Prozent E-Autos verkaufen!), wenn politische Entscheider und die Demografie Druck machen (Führungsnachwuchs wird knapp, ohne weibliche Chefs wird es nicht gehen!) und die Digitalisierung komplette Prozesse umkrempelt. Dann sind vielmehr kreative Mitarbeiter gefragt, die keine Angst vor der Zukunft haben und bereit sind, neue Pfade zu beschreiten. Der CEO kann Strategien entwickeln und Allianzen schmieden, bis er blau ist im Gesicht und der Finanzvorstand Mittel für die Transformation bereitstellen, bis die Analysten stöhnen - wenn es keine Belegschaft gibt, die den Wandel nicht nur aushält, sondern auch noch erfolgreich gestaltet, ist das Schicksal vieler Betriebe besiegelt.

Personal und Führung gehören zu den strategischen Fragen unserer Zeit, Die logische Schlussfolgerung ist daher: Neue Personaler braucht das Land. Doch das muss die Unternehmensführung zunächst einmal wollen, entsprechende Leute fördern und entwickeln und die HR-Kompetenz schließlich auf die Vorstandsebene holen. Mit den traditionellen Arbeitsdirektoren, die ihre Kernaufgabe im Schreiben von Verträgen, Kündigungen und Abmahnungen sehen sowie im gemeinsamen Lunch mit den Arbeitnehmervertretern, ist da jedoch kein Staat zu machen.

Zum Vorbild könnte der Aufstieg der Finanzleute werden - sie wurden lange als Buchhalter und Kontrollfeaks abgetan und nicht ernst genommen. Inzwischen ist die strategische Bedeutung ihrer Aufgabe jedoch so dominant, dass heute gefühlt jede zweite Neuberufung zum CEO einen Finanzvorstand zum Chef kürt. Meine Prognose ist: Die nächste Gruppe, die eine ähnliche Aufwertung erfahren wird, sind die Personaler - wenn sich genügend Persönlichkeiten finden, die sich entsprechend engagieren und tatsächlich zum strategischen Sparringspartner ihrer Vorstandsvorsitzenden heranwachsen.

Einige erste Leute mit entsprechender Substanz lassen sich schon ausmachen, doch bekanntlich machen eine paar Schwalben keinen Sommer. So wird es wohl noch eine Führungs-Generation dauern, bis die Personaler da sind, wo sie hingehören: Im Vorstand und in der ersten Reihe bei den Strategiedebatten. Und noch eine weitere Generation, bis ihre Personalkompetenz auch in den Kontrollorganen ankommt, denn sinnvollerweise war ein Aufsichtsrat zuvor Vorstand.

Newsletter von Heiner Thorborg

Dass viele Frauen in den Personalabteilungen in den Startlöchern sitzen, stört dabei keineswegs. Vor allem die Mütter im HR-Management haben nämlich schon gelernt, zu improvisieren, sich an veränderte Umstände anzupassen und begrenzte Ressourcen mit einem Maximum an Effizienz zu nutzen. Belastbar sind sie allemal, die Bedeutung von persönlicher Verantwortung ist ihnen vertraut, die meisten haben aus der Doppelbelastung heraus Erfahrung in der Bewältigung von Krisen. Viele haben gute Ideen und warten nur auf ihre Chance. Kluge CEOs werden sich das zunutze machen.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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