Sonntag, 22. April 2018

Was Glücksstrategien für Unternehmen ändern können "Unser Wirtschaftssystem plündert den Planeten"

Ha Vinh Tho, Leiter des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan. Der Sohn eines Vietnamesen und einer Französin hat früher für das Internationale Rote Kreuz die Ausbildung von Krisenhelfern geleitet. Der promovierte Erziehungswissenschaftler hat auch als Waldorf-Lehrer gearbeitet.

Ha Vinh Tho leitet das Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan. Das kleine Königreich im Himalaya ermittelt regelmäßig den Gemütszustand seiner Einwohner im Gross National Happiness Index, der die Leitlinien der Politik bindend prägt. manager-magazin.de traf den Glücksexperten am Rande der New Work Experience von Xing in Hamburg.

manager-magazin.de: Lassen sich ihre Erfahrungen aus dem Zentrum für Bruttonationalglück auf Unternehmen übertragen?

Ha Vinh Tho: Ja, und wir arbeiten auch mit etlichen Unternehmen zusammen - zum Beispiel mit dem thailändischen Mischkonzern B. Grimm. Dessen CEO Harald Link hat vor zwei Jahren beschlossen, das ganze Unternehmen nach den Prinzipien des Bruttonationalglücks umzubauen.

mm.de: Wie geht das?

Ha Vinh Tho: Das Unternehmen will nicht nur Profit machen, sondern einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten, ohne dass es zu Lasten der Natur geht. Daraus ist der Leitsatz entstanden: "Doing business with compassion for the development of civilization in harmony with nature."

mm.de: Nachhaltigkeit schreiben sich ja viele Unternehmen auf die Fahnen.

Ha Vinh Tho: Entscheidend ist, wie ernst es mit der Umsetzung ist. Ein Workshop zum Thema Achtsamkeit und Mitgefühl ist toll, nur hilft er nichts, wenn in der Wirklichkeit des Geschäfts die brutalen, aber effizienten Manager befördert werden. Wer eingestellt, wer befördert wird, das sind starke Botschaften sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens. Und wichtig ist, welche Leistungskennzahlen zur Anwendung kommen: Wenn man nur Profit misst, ist Profit auch das einzige, was zählt.

mm.de: Welche Parameter messen und bewerten Sie?

Ha Vinh Tho: Basis für unser Programm ist die triple bottom line. Es geht dabei um drei Faktoren: Profit, People, Planet - also Ökonomie, Soziales und Ökologie. Profit ist natürlich wichtig für ein Unternehmen - es würde ja untergehen, wenn es keinen machte. Aber unternehmerisches Handeln macht keinen Sinn, wenn man die Grundlagen und die Ziele aus den Augen verliert: Wie fühlen sich die Menschen? Was ist die Wirkung auf den Planeten? Dafür erfassen wir neun Gebiete, unter anderem Gesundheit, Bildung und Zeitverwendung. Haben die Menschen das Gefühl, dass sie eine richtige Balance haben? Oder machen sie sich und ihre Familien mit der Arbeit kaputt?

mm.de: Wie erfassen Sie das?

Ha Vinh Tho: Das ist immer eine Mischung aus objektiven und subjektiven Faktoren. Den Krankenstand kann man messen, aber wir arbeiten auch viel mit Umfragen. Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, die richtigen Indikatoren zu finden - die müssen für das jeweilige Unternehmen maßgeschneidert sein. Ein Kraftwerk, in dem fast nur Ingenieure und Techniker arbeiten, braucht andere Indikatoren als etwa ein Dienstleistungsbetrieb. Wir haben screening tools entwickelt, die den Verantwortlichen helfen, sich bei Entscheidungen klar über deren mögliche Wirkungen zu werden. Etwas könnte ja finanziell sehr vorteilhaft für die Firma sein, aber unter ökologischen Aspekten ungünstig, oder es könnte sich negativ auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirken. Wenn Entscheidungsträger im Hinblick darauf argumentieren müssen, kommen ganz andere Entscheidungen zustande. Bessere Entscheidungen.

mm.de: Hätten Sie mal ein Beispiel?

Ha Vinh Tho: Wir arbeiten auch mit dem New Yorker Modelabel Eileen Fisher zusammen, deren Führungskräfte uns in Bhutan besucht haben. Das ist ein Unternehmen mit rund einer halben Milliarde Umsatz, Mode im High-End-Bereich. Die haben ein Programm aufgesetzt: Bis 2020 will das Unternehmen hundertprozentig nachhaltig sein, und zwar in der gesamten Wertschöpfungskette. Die Baumwolle wird biologisch angebaut, gebrauchte Textilien werden zurückgenommen und wiederverwertet, es wird auf Fair Trade und Menschenrechte geachtet.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH