Sonntag, 19. November 2017

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Die überforderte und überschätzte Generation Y Gute Nacht, Millennials!

Willie B. Thomas / Getty Images

2. Teil: Die Sache mit dem Marathon

Das Problem mit dem Glück ist, dass es eben nicht um kurzfristige Erfolge geht. Es geht nicht darum, dass ihr jetzt diesen kleinen Sieg errungen habt. Glück ist ein Marathon. Erfolg im Job ist ein Marathon. Sogar erfüllende Liebe ist ein Marathon. Netflix, Tinder und WhatsApp suggerieren euch aber, dass ihr nur weiterwischen müsst. Dann wird schon etwas dabei sein, was euch glücklich macht.

Ihr wollt "wirken" und ihr wollt "etwas verändern." Was wisst ihr oft selber nicht. Das scheint auch erst einmal egal zu sein. Es geht euch aber immer um "sinnstiftende Arbeit" oder "aktive Mitgestaltung".

Der Gedankengang ist toll. Ich glaube euch das auch. Ihr habt den Anspruch, wirklich etwas zu bewegen. Doch ihr verzweifelt, wenn nach drei Monaten Trainee-Stelle in einem Dax-Unternehmen kein kompletter Kulturwandel einsetzt. Schließlich seid ihr doch da!

Ihr werdet nicht glücklich und erfolgreich, weil in Büros überall laktosefreie Milch zu eurem Chai-Latte angeboten wird. Ihr müsst nun wirklich kämpfen. Denn wenn ihr erfolgreich sein wollt - wie auch immer ihr das definiert -, dann müsst ihr dranbleiben und auch mal Niederlagen wegstecken können. Wenn ihr etwas verändern wollt, müsst ihr den Marathon laufen können. Vom ersten Schritt über die hässlichen Blasen bis zur Erschöpfung nach den ersten Kilometern.

Doch das passt euch nicht, denn es erfordert Mühe und Rückschläge. Das habt ihr in den ersten zwanzig Jahren eures Lebens aber nicht kennengelernt. Eure Eltern haben euch immer gesagt, dass ihr alles werden könnt. Sie haben euch gesagt, dass ihr alles erreichen könnt. Eure Apps signalisieren euch, dass ihr mit einer lässigen Handbewegung alles ändern könnt - Filme, Musik, Beziehungen, Freunde.

Doch statt den Marathon anzunehmen, wechselt ihr lieber alle zwei Jahre den Job, weil die aktuelle Position eine "Einbahnstraße" ist und euer Chef euch nicht genug würdigt. Ihr wechselt den Partner, weil es "kompliziert wird" und ihr gebt keine verbindlichen Zusagen mehr an eure Freunde. Es könnte ja immer etwas Besseres kommen.

Fangt an zu kämpfen!

Liebe Millennials, bitte versteht mich nicht falsch. Ihr seid unsere Zukunft. Doch um diese Zukunft mache ich mir Sorgen. Nicht, weil ihr zu dumm seid. Die meisten von euch sind tatsächlich wunderbar kluge und liebenswerte Menschen. Ich mache mir Sorgen, weil ihr das Kämpfen nie gelernt habt. Ihr geht den Weg des geringsten Widerstandes und verhöhnt die Personen, die es anders machen.

Ihr belächelt die ältere Generation für deren Karrierewillen und verschenkt euch damit eine großartige Chance zu lernen. Natürlich war die Arbeitswelt vor 30 Jahren anders. Kein reflektierter 50-Jähriger würde euch etwas anderes sagen. Doch das Grundprinzip von Glück, Erfolg und Erfüllung hat sich nicht groß geändert.

Es erfordert Mut, Kampf und ganz besonders Geduld. Geduld auch mit uns und unseren Schwächen. Geduld aber auch mit den Chefs und Vorständen, die diese Arbeitswelt mit uns gestalten können. Geduld auch mit den Menschen, die das nicht so sehen wollen und die irgendwann keine Rolle mehr spielen werden. Es erfordert, dass ihr die gesamte Strecke geht - auch wenn die Füße irgendwann brennen.

In dem Sinne: Gute Nacht, Millennials. Morgen versuchen wir es erneut. Morgen kämpfen wir. Ich bin dabei.

Jakob Osman ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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