Dienstag, 25. September 2018

Was Unternehmen von Messi und Ronaldo lernen können Produziert eure Stars selbst!

Wachwechsel: Lionel Messi und Kylian Mbappe

Lionel Messi ist zweifelsohne ein Star. Er gilt neben Cristiano Ronaldo als einer der beiden besten Fußballer unserer Zeit. Als Vereinsspieler hat Messi mit dem FC Barcelona alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Er ist mehrfacher Champions-League-Sieger, gewann gleich fünf Mal die jährliche Auszeichnung für den besten Fußballer der Welt. Im Gegensatz zu Ronaldo ist Messi aber kaum wieder zu erkennen, sobald er das Nationaltrikot überstreift. Bis auf eine olympische Goldmedaille vor zehn Jahren konnte er mit seinem Land Argentinien bislang keinen großen internationalen Titel gewinnen. Bei der Weltmeisterschaft in Russland ist er mit der "Albiceleste" bereits im Achtelfinale ausgeschieden.

Sascha L. Schmidt
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    Falco Peters
    Sascha L. Schmidt ist Lehrstuhlinhaber und Leiter des Center for Sports and Management (CSM) an der WHU - Otto Beisheim School of Management. Dort widmet er sich der "Zukunft des Sports" als einem seiner zentralen Forschungsschwerpunkte. Zudem ist er akademischer Leiter der "SPOAC - Sports Business Academy by WHU", die sich als Weiterbildungsinstitution für künftige Führungskräfte im Sportbusiness etabliert hat. Schmidt studierte, promovierte und habilitierte an den Universitäten Essen, Zürich, St. Gallen, der EBS Universität in Oestrich-Winkel sowie an der Harvard Business School in Boston und war danach Strategieberater bei McKinsey und Unternehmer.

Warum ist das so? In seinem Klub findet Messi gewohnte Strukturen, Routinen und ein eingespieltes Team vor. In der Nationalmannschaft ist das anders. Hier gibt es häufig wechselnde Trainer und Mitspieler, verschiedene Spielsysteme. Zuletzt war zudem von einem Zerwürfnis zwischen Messi und Trainer Jorge Sampaioli zu lesen. Das Beispiel Messi zeigt: Selbst die größten Stars können nur dann ihre volle Leistungsstärke abrufen, wenn sie ein funktionierendes Team um sich herum haben. Dies gilt für Stars außerhalb des Sports ganz genauso. Ähnliche Beobachtungen kann man auch in der Managementpraxis machen, zum Beispiel an der New Yorker Wall Street.

Leistungsabfall nach dem Jobwechsel

Studien der Harvard Business School in Boston haben gezeigt: Wenn eine Investmentbank einen herausragenden Analysten einer anderen Bank abwirbt, stürzt in der Folge dessen persönliche Leistung häufig rapide ab. Fast jeder zweite Star-Analyst liefert im Jahr nach seinem Jobwechsel deutlich schlechtere Ergebnisse ab. Die Leistung sinkt im Durchschnitt um 20 Prozent und erreicht auch fünf Jahre später nicht wieder das alte Niveau. Auch die Produktivität und Leistung des gesamten Teams, mit dem die Neuverpflichtung arbeitet, fällt stark ab. Als Folge sinkt der Marktwert des Unternehmens. Damit passiert das Gegenteil dessen, was die Verpflichtung des Wall-Street-Stars eigentlich bringen sollte.

Natürlich verliert ein Spitzenanalyst ebenso wenig über Nacht sein Wissen wie ein Starfußballer seine technischen Fertigkeiten, wenn er die Mannschaft wechselt. Auch Messi verlernt ja das Fußballspielen nicht, weil er ein andersfarbiges Trikot anzieht. Aber die Evidenz zeigt, dass die Leistung eines Stars immer sowohl von seinen persönlichen Kompetenzen als auch von den Fähigkeiten des Teams sowie von den Systemen, Prozessen und Routinen in seinem unmittelbaren Umfeld abhängt. Bei einem Wechsel können diese gewohnten firmenspezifischen Ressourcen nicht mehr genutzt werden. Vielmehr müssen der Star und sein Team ein neues funktionierendes System aufbauen, was Jahre dauern kann.

Unternehmen müssen ihre Stars selbst produzieren

Dies liegt auch daran, dass es vermeintlichen Leistungsträgern von ihren neuen Kollegen häufig nicht wirklich leicht gemacht wird. Gerade Stars können von etablierten Mitarbeitern als Konkurrenz wahrgenommen werden. Das Eintreffen des neuen Leistungsträgers ist mit dem Statusverlust anderer Teammitglieder verbunden. So kann es vorkommen, dass den Neuankömmlingen Informationen vorenthalten werden, gar die Zusammenarbeit verweigert wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das bisherige Gehaltsgefüge gesprengt wird. Gleichzeitig müssen Stars im neuen Arbeitsbereich alte, ihnen bekannte Praktiken verlernen und sich neue aneignen. Ihnen fällt es - wie uns allen - schwer, in der Vergangenheit erfolgreiche Arbeitsansätze zugunsten neuer, unbekannter Praktiken abzulegen. Diese zu erwartenden Anpassungsprobleme können wiederum am Ego kratzen. Und ein verletztes Ego mindert die Leistungsfähigkeit.

Daher ist das nach jeder Fußball-WM zuverlässig einsetzende Tauziehen um die Stars (auch "Star Wars" genannt) aus ökonomischer Sicht nur bedingt sinnvoll. Denn das - meistens sehr kostspielige - Abwerben von Leistungsträgern der Konkurrenz lohnt in vielen Fällen einfach nicht. Im Fußball sind Klubs wie Real Madrid, bei denen das funktioniert, die absolute Ausnahme. Und genau hier liegt auch der Trugschluss, dem viele Unternehmen zum Opfer fallen. Sie beschäftigen zwar hart arbeitende Menschen, schöpfen aber deren volles Potential nicht aus, etwa durch gezielte Aus- und Weiterbildung. Vielmehr konzentrieren sie sich darauf, punktuell Stars von außen anzuwerben. Nur wenige Unternehmen rekrutieren hingegen High Potentials, entwickeln sie zu echten Leistungsträgern weiter und tun frühzeitig alles, um sie langfristig an das Unternehmen zu binden.

Natürlich kann ein Star-Transfer auch glücken und zum gewünschten Erfolg beitragen. Dies ist aber eine relativ riskante Personalstrategie, denn das Risiko des Scheiterns ist hoch. Portugal ist schließlich auch mit Ronaldo im Achtelfinale ausgeschieden.

Sascha L. Schmidt ist Professor an der WHU - Otto Beisheim School of Management und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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