Sonntag, 22. Oktober 2017

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Was moderne Führung ausmacht Ein Chef zum Verlieben

Führungskultur: Die Krawatte sitzt, das Rückgrat ist beweglich
Robin Skjoldborg / Getty Images
Führungskultur: Die Krawatte sitzt, das Rückgrat ist beweglich

Michaela Bürger
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    Michaela Bürger ist Inhaberin der Unternehmens-beratung "Michaela Bürger Consulting". Mit ihrem Team unterstützt sie Dax-Konzerne, den Mittelstand und andere Organisationen bei personalstrategischen Fragen zur Führungskräfteentwicklung sowie der Etablierung neuer Konzepte und Programme für die Talentidentifizierung und Entwicklung.

Er ist kompetent, schnell, leidenschaftlich, intelligent, ehrgeizig, und er will die Welt retten: Malte, der neue Leiter der Entwicklungsabteilung. Wolfgang, sein Chef, hat mehr als 20 Jahre Berufserfahrung und gilt als einer der anerkanntesten Spezialisten in seinem Bereich - man sagt: "fachlich unantastbar". Eine Autorität. Eine Kapazität. Für die Führung des Teams fehlt Wolfgang meist die Zeit, denn die Themen müssen laufen. Selbstverständlich greift er auch selbst ein und kümmert sich um Details, denn im Zweifelsfall weiß er es stets am besten.

Zu erwähnen ist, dass er es nicht gerade liebt, wenn seine Anweisungen nicht befolgt werden. Und das Einbeziehen unterschiedlicher Standpunkte und Fragen kostet ihn unnötig Zeit, denn am Ende des aufwändigen Diskussionsprozesses wird letztlich sowieso meist die Lösung umgesetzt, die er vorgeschlagen hat. Er möchte, dass Malte ihm Arbeit abnimmt, damit er sich selbst optimieren kann. Wichtig ist, dass seine Ziele erreicht werden, sein Ruf ein tadelloser und der Bonus gesichert ist.

Die Krawatte sitzt, das Rückgrat ist beweglich.

Gestalten ohne Gestaltungsmacht

Malte hat sich ganz bewusst für das Traditionsunternehmen und die Aufgabe entschieden. Der ihm zugesagte Freiraum für die Gestaltung der Zukunft und das gemeinsame Ringen um die beste Lösung haben ihn ganz besonders motiviert.

Aber nach nunmehr sechs Monaten fragt er sich: Habe ich dafür meinen Harvard-Abschluss mit Bestnote gemacht, Jobs im In- und Ausland und bei anerkannten Firmen bravourös gemeistert? Da hatte er in seiner Jugend innerhalb der Familie mehr Autonomie und Mitspracherechte als hier in seiner Funktion als Abteilungsleiter. Wo bleiben Feedback und Austausch? Wo soll es eigentlich konkret hingehen und warum?

Ständig wird darüber gesprochen, wie er etwas zu tun hat, aber nicht, welche Strategie in Summe damit verfolgt wird. Was ist daran unternehmerisch, nachhaltig und wirtschaftlich, wenn den Mitarbeitern der Sinn ihres Tuns nicht klar ist?

Fragen, die ihm niemand beantwortet und die ihm tagtäglich Energie und Motivation rauben.

Ihm wird gesagt, er soll gestalten. Gelebt wird hingegen, dass er verwalten soll.

Angst vor Kontrollverlust

Dienen, um seinem Vorgesetzten zu gefallen und dessen Gunst zu erwerben? Für tiefgehende Diskussionen ist keine Zeit, denn Wolfgang sitzt mindestens 20 Stunden pro Woche in Besprechungen und Abteilungsleiterrunden. In dieser Zeit ist er nicht erreichbar und danach gilt es nur, die notwendigsten Rücksprachen zu tätigen. Und einfach selbst entscheiden und tun ist nicht erwünscht, weil Wolfgang dann Angst hat, etwas nicht mitbekommen und die Kontrolle zu verlieren.

Kennen Sie so einen Chef? Können Sie Malte verstehen?

Es gibt viele Chefs dieser Sorte, die heute noch erfolgreich sind, aber kann man sich in so einen wirklich "verlieben"? Und ist es "sexy", mit ihm in die Zukunft zu gehen? Kann man von ihm lernen, in einer Arbeitswelt, die sich fundamental verändert und in der viel mehr Wissensaustausch, Kreativität, Flexibilität und der Wille zur Gestaltung von Neuem gefragt sind?

Malte denkt bereits nach sechs Monaten darüber nach, wie er sich trennen kann, denn das Angebot am Markt ist groß.

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