Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Führen im digitalen Zeitalter Wenn die Angst zur Skrupellosigkeit mutiert

Auf die Digitalisierung und ihre damit einhergehenden Umbrüche reagieren viele Führungskräfte falsch
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Auf die Digitalisierung und ihre damit einhergehenden Umbrüche reagieren viele Führungskräfte falsch

Die Digitalisierung verändert alles, nur nicht das Führungsverhalten in vielen Unternehmen. Das rächt sich.

Heiner Thorborg
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    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co KGaA (Frankfurt), die Heiner Thorborg & Co. (Zürich), die Initiative "Generation CEO", "The Female Factor" sowie thorborg&virzí mit den Standorten Frankfurt und Zürich.

Die technische Revolution beschleunigt sich: Computer verwalten unser Vermögen, Software steuert die Autos. Dubai will bald selbstfliegende Drohnen als Taxis einsetzen, Roboter übernehmen medizinische Routineeingriffe. Call Center war gestern, heute werden Chatbots genutzt. Das ist auch gut so, denn Exchange Traded Funds sind billiger als Anlageberater und wer will nicht lieber fliegen, statt im Stau zu stehen? Zudem werden Computer nicht müde oder krank und arbeiten oftmals deutlich präziser als Menschen.

Dennoch ist die sogenannte Smart Technology keineswegs immer smart. Selbststeuernde Autos verursachen dumme Unfälle; Robo-Advisors und computerbasierter Hochfrequenzhandel verstärken Krisen an den Finanzmärkten, weil viele der Algorithmen ähnlich programmiert sind. Ein paar Rüpel brachten im vergangenen Jahr einen Chatbot von Microsoft Börsen-Chart zeigen innerhalb von 24 Stunden dazu, ungezogenen und rassistischen Unsinn zu verbreiten.

Fortschreitende Digitalisierung braucht mehr menschliche Intelligenz

Codes und Algorithmen entstehen eben zu oft im Elfenbeinturm der Ingenieure, die ob all der Freude über das technisch Machbare offenbar nicht ausreichend darüber nachdenken, welchen Unsinn Spaßvögel oder Böswillige mit ihren Produkten anfangen können. Ganz offensichtlich braucht die fortschreitende Digitalisierung neben der künstlichen vor allem auch menschliche Intelligenz, die den Maschinen Zügel anlegt. Wer jetzt nach Führungskräften mit noch mehr technischem Wissen ruft, liegt jedoch falsch. Denn daran fehlt es nicht, wohl aber an Chefs mit einem tiefen Verständnis für die humanistischen, ethischen und philosophischen Kriterien des Fortschritts. Wenn alle immer schneller rennen, kommt es nicht auf noch mehr Tempo an, sondern auf die Fragen: Wohin laufen wir eigentlich? Und - wollen wir da überhaupt hin?

Um es anders auszudrücken: In Zeiten, in denen 22-jährige Gründer ganze Geschäftsmodelle überflüssig machen, wird der Zampano-CEO, der stets alles fest im Griff hat und treffsicher die Weichen stellt, zunehmend zum lächerlichen Konstrukt. Gefragt wären stattdessen Dirigenten, die in der Lage sind, aus verschiedenen Instrumentalisten ein Orchester zu schmieden, das sich schnell in immer wieder neue Partituren einarbeitet.

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