Dienstag, 28. Juni 2016

Frauenquote im Aufsichtsrat Frauen in Aufsichtsräten: "Jubelschreie wären unrealistisch"

Warum Aufsichtsräte mehr Frauen brauchen und es schwieriger wird, Kandidaten vom Aufseher-Posten zu überzeugen, sagt Top-Anwältin Daniela Favoccia von Hengeler Mueller.

mm: Frau Favoccia, Hengeler Mueller hat gemeinsam mit dem Personalberater Heiner Thorborg die Stimmung in deutschen Aufsichtsräten mit Blick auf die Frauenquote erforscht. Die Begeisterung der männlichen Aufseher über die Quote hält sich offenbar in Grenzen.

Daniela Favoccia: Das viel wichtigere Ergebnis aus meiner Sicht ist, dass die Aufsichtsräte selbst sich für künftige Herausforderungen als gut aufgestellt einschätzen. Und: Frauen werden in dem Gremium voll akzeptiert. Das war angesichts der zum Teil sehr skeptischen Haltung gegenüber einer Quotenlösung nicht unbedingt zu erwarten und ist erfreulich. Generell gilt: Nach der recht emotional geführten Debatte um die Quote wäre es unrealistisch, jetzt Jubelschreie zu erwarten. Unsere Studie liefert eine nüchterne, ehrliche Bestandsaufnahme. Die Arbeit, die jetzt in den Gremien geleistet wird, wird zeigen, ob sich an dem Bild in Zukunft etwas ändert.

mm: Die Suche nach geeigneten Kandidaten wird durch die Quote nicht leichter, da sind sich die Geschlechter einig. Wie könnte man das Problem entschärfen?

Daniela Favoccia
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    Daniela Favoccia ist Gesellschaftsrechtlerin und Partnerin der Anwaltskanzlei Hengeler Mueller.
Favoccia: Die Profile wie auch die Wege der Kandidatensuche müssen erweitert werden. Wir müssen weg von rein formalen Kriterien und stärker auf die Inhalte schauen. Digitales Knowhow hat beispielsweise nicht nur, wer jahrelang bei einem Software-Konzern in leitender Position gearbeitet hat; die benötigten Kenntnisse könnte auch ein Unternehmensberater haben, der Kunden in diesem Sektor über viele Jahre betreut hat. Zudem verschiebt sich auch die Bedeutung von Kompetenzen, etwa in juristischen Dingen. Unternehmerisches Handeln wird zunehmend komplexer. Korrespondierend dazu wird die Überwachung und Beratung durch den Aufsichtsrat komplexer; die rechtlichen Anforderungen an die Qualität der Aufsichtsratsarbeit und die Qualifikation der Mitglieder sind gestiegen - nicht alle Aufsichtsratsgremien haben diese Entwicklung bereits in ihrem Profil abgebildet.

mm: Nur jeder vierte befragte Mann glaubt, dass dreißig Prozent Frauen im Aufsichtsrat die Arbeit dort verbessern. Was sagen Sie den Skeptikern?

Favoccia: Ich glaube, die Männer warten erst einmal ab - und die Arbeit, die Frauen in den Aufsichtsgremien leisten, wird sie überzeugen. Unsere Studie zeigt, dass die Männer mit ihrem Urteil noch sehr zurückhaltend sind: Mehr als jeder zweite Mann war bei dieser Frage "unentschieden"; sieben Prozent gaben an, das nicht beurteilen zu können. Das ist nachvollziehbar, da es nach wie vor nicht viele Frauen in Aufsichtsräten gibt. Ich bin aber überzeugt, dass Vielfalt in Aufsichtsräten, unabhängig von der Geschlechterquote, die Diskussionen belebt, neue Optionen aufzeigt und es leichter macht, Themen umfassend kritisch zu beleuchten und informierte Entscheidungen zu treffen: Genau das wird heute, auch rechtlich, von Aufsichtsräten erwartet.

mm: Im wichtigen Personalausschuss, der auch über Vorstandspersonalien berät, sind Frauen sehr schwach vertreten. Entsteht in den Aufsichtsräten eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Favoccia: Absolut nicht. Ich glaube nicht, dass Frauen nur als Alibi dienen, um formal die Quote zu erfüllen. Im Gegenteil: In vielen Ausschüssen sind sie bestens repräsentiert, vor allem im Prüfungsausschuss, was sicher auch an den dafür erforderlichen "harten" Kompetenzen liegt, die viele mitbringen. Im Personal- beziehungsweise Nominierungsausschuss hingegen sind Faktoren wie Erfahrung oder auch die Verankerung im Unternehmen elementar- und viele Frauen sind eben noch nicht so lange Aufsichtsrätin.

mm: Für die Arbeit, die ein Aufsichtsmandat macht, sei die Vergütung oft zu niedrig: Das beklagen Frauen öfter als Männer. Nehmen weibliche Aufsichtsräte ihren Job ernster als ihre männlichen Kollegen?

Favoccia: Für viele Frauen mag der zeitliche Aufwand höher sein, vor allem wenn es ihr erstes Mandat ist und sie noch wenig Routine haben. Unabhängig vom Geschlecht gibt es aber nach meiner Erfahrungen heute niemanden, der ein solches Mandat nicht ernst nimmt. Die Bedeutung der Aufsichtsrat-Arbeit ist enorm gestiegen, die Berichtspflichten wurden kontinuierlich erhöht. Und: Die juristischen Risiken für Aufsichtsräte sind heute real, gar nicht zu reden vom Reputationsrisiko. Das nimmt niemand auf die leichte Schulter.

mm: Worin sehen Sie die größte Herausforderung für die Aufseher?

Favoccia: Aufsichtsräten muss es gelingen, Vertrauen in ihre Arbeit zu schaffen. Sie müssen zeigen, dass dies kein Gremium ist, das leichtfertig Beschlüsse durchwinkt, sondern sorgfältig prüft. Und sie müssen gute Antworten auf die gestiegenen rechtlichen Anforderungen finden. Auf der anderen Seite haben wir aber einen Gesetzgeber, der mit viel Regulierung die Gestaltungsspielräume von Aufsichtsräten verengt. In dieser Konstellation wird es nicht einfacher, gute Kandidaten für diese Ämter zu gewinnen.


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