Dienstag, 28. Juni 2016

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Frauenquoten-Experte Ralf Kleindiek "Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Unternehmen"

"Ich bin fest davon überzeugt, dass mehr Frauen in den obersten Führungsfunktionen einen Kulturwandel bewirken werden": Staatsekretär Ralf Kleindiek

mm: Herr Kleindiek, seit Anfang des Jahres müssen die rund 100 größten börsennotierten Unternehmen 30 Prozent ihrer Aufsichtsratsposten an Frauen vergeben. Sie haben das Gesetz geschrieben. Hat es schon etwas bewegt?

Ralf Kleindiek: Die Quote führt einen Kulturwandel in den Unternehmen herbei. Das spüren wir deutlich.

mm: Woran? Die Commerzbank Börsen-Chart zeigen zum Beispiel hat die Suche nach einer neuen Chefin gerade abgebrochen, weil sie angeblich keine Kandidatin mit ausreichend Erfahrung auftreiben konnte - gegen dieses klassische Argument konnten auch die drei Kontrolleurinnen auf der Kapitalseite nichts ausrichten.

Kleindiek: Dieses Argument, dass es keine geeigneten Frauen gibt, ist leider ein beliebtes Totschlagsargument. Es stimmt aber nicht. Auch in der deutschen Bankenwelt gibt es genügend Frauen in Top-Positionen, die für Chef-Posten geeignet sind. Unabhängig von dem erwähnten Einzelfall: Mir geht es gegen den Strich, dass dies immer nur bei Frauen thematisiert wird. Oder anders: So viel ungeeignete Frauen, wie wir ungeeignete Männer haben, müssen wir erst einmal finden.

mm: Die Frage war: was bewirkt die Quote?

Ralf Kleindiek
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    Ralf Kleindiek (SPD) ist Staatssekretär im Bundesfamilienministerium und Autor des Quotengesetzes.
Kleindiek: Was unser Quotengesetz anbelangt: Wir sehen sehr deutlich, dass die Unternehmen sich mit der neuen gesetzlichen Regelung angefreundet haben. Der Wille ist da, die Quote einzuhalten. Und ich bin fest davon überzeugt, dass mehr Frauen in den obersten Führungsfunktionen einen Kulturwandel bewirken werden. Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Unternehmen - und das geht nur von oben nach unten.

mm: Das Quotengesetz betrifft auch 3500 kleinere Unternehmen, die sich eigene Ziele für die Besetzung der oberen Managementebenen mit Frauen setzen sollen. Wenn sie diese nicht einhalten, passiert aber nichts. Das ist nicht sehr ambitioniert ...

Kleindiek: Man sollte die Wirkung einer verbindlichen Zielvorgabe - auch wenn sie nicht mit Sanktionen belegt ist - nicht unterschätzen. Denn die Firmen müssen ihre Ziele im Geschäftsbericht veröffentlichen. Die Firmenstrategie in punkto Frauen wird transparent und bestimmt das Image der Firma mit - gegenüber den eigenen Beschäftigten, aber auch gegenüber externen Bewerberinnen. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, auf die oft besser als männliche Bewerber qualifizierten Frauen zu verzichten. Es stimmt, dass das Gesetz die Nicht-Einhaltung dieser Ziele bislang nicht sanktioniert. Richtig ist auch, dass die Unternehmen sich kleine Zielgrößen verordnen dürfen.

mm: So hat schon die frühere Bundesfrauenministerin Kristina Schröder die freiwillige Quote verteidigt. Und die Unternehmen haben sie ignoriert.

Kleindiek: Aber da mussten die Unternehmen nicht öffentlich über ihre Zielvorgaben berichten und auch erläutern, warum sie sich zum Beispiel eine kleine Zielgröße verordnet haben. Der öffentliche Fokus liegt darauf, die Medien schauen nach, was die Unternehmen in ihren nächsten Geschäftsberichten vorlegen. Der öffentliche Druck wird wachsen. Wir schauen uns jetzt mal an, was passiert. Und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass die SPD später darauf drängen wird, dass es, falls nötig, auch in diesem Bereich zu Veränderungen des Gesetzes kommt.

mm: Für viele Männer in den Unternehmen ist die gesetzlich verankerte Frauenförderung ein Aufreger. Sie fürchten, abgehängt zu werden. Was antworten Sie?

Kleindiek: Ich weise darauf hin, dass gemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Das ist wissenschaftlich abgesichert. Und ich sage auch ganz klar, dass es für Männer keinen Anspruch auf Beförderung geben kann, wenn sie für den Posten schlechter qualifiziert sind als eine Frau. Tut mir leid, aber so geht es eben nicht.

mm: Erhalten Sie eigentlich auch mal echten Zuspruch von Männern?

Kleindiek: Durchaus. Vor allem Topmanager mit internationalem Hintergrund, die andernorts ganz selbstverständlich mit Frauen in den oberen Führungsgremien zusammenarbeiten und um den Vorteil gemischter Teams wissen, freuen sich, dass sie jetzt auch hier zu Lande eine Handhabe besitzen gegen die Kollegen, die weiter ihre Old Boys Networks beschützen wollen.

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