Sonntag, 29. Mai 2016

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Top-Frauen und ihre Erfolgsgeschichten Zur Macht geht es nur mit der Macht der Stimme

Nicola Tiggeler ist klassische Sängerin, Schauspielerin und Stimmtrainerin auf den Chefetagen der deutschen Wirtschaft. Ihre Botschaft: Ohne Topstimme wird keine noch so ambitionierte Frau zur Topführungspersönlichkeit.
Michael Leis
Nicola Tiggeler ist klassische Sängerin, Schauspielerin und Stimmtrainerin auf den Chefetagen der deutschen Wirtschaft. Ihre Botschaft: Ohne Topstimme wird keine noch so ambitionierte Frau zur Topführungspersönlichkeit.

Um sich Gehör zu verschaffen, braucht es die Stimme und zwar die eigene. Das gilt erst recht für Frauen, die Karriere machen wollen. Lieschen piep einmal wird nie nach oben kommen, sagt Nicola Tiggeler. Die Stimme der Macht gibt es tatsächlich.

Die Stimme der Macht ist kein Mysterium, sondern ein Instrument, das zu spielen sich erlernen lässt. Wie in jeder Disziplin wird die Meisterschaft durch das richtige Training entschieden.

Meine erste große Liebe zur menschlichen Stimme entflammte mit vier Jahren und diese Leidenschaft trägt mich bis heute, Stimme ist "mein Ding"!

Damals durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben in die Oper, es war der klassische Einstieg, "Hänsel und Gretel". An diesem Abend beschloss ich, Sängerin zu werden, fortan gab es keine andere Wahl! (Meine Diplomrolle an der Hamburger Hochschule war denn auch der "Hänsel".)

Es folgten viele Jahre an vielen Bühnen und ich habe so ziemlich alle Erlebnisreisen gewagt, in die sich ein junger enthusiastischer Mensch mit seiner Stimme stürzen kann: Oper, Operette, Musical, Schauspiel; auch die Arbeit vor dem Mikrofon als Sprecherin, als Moderatorin, als Fernsehansagerin.

Seit mehr als 25 Jahren bin ich nun auf der Bühne, vor der Kamera und dem Mikrofon zuhause. Genau so lange begleite ich andere Menschen bei einem der spannendsten Abenteuer: Die Entdeckung und Entwicklung der eigenen Stimme.

Seltsames Verhältnis der Menschen zur eigenen Akustik

Zunächst waren es Kollegen, mit denen ich gearbeitet habe: Sänger, die sprechen und Schauspieler, die singen mussten. Inzwischen sind es vor allem Führungskräfte, Politiker und professionelle Redner.

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenige Menschen überhaupt ein Verhältnis zu ihrer eigenen Akustik haben, und wenn, dann ein eher negatives, angespanntes (denken Sie zum Beispiel nur an die eigene Ansage auf dem Anrufbeantworter).

Den meisten Menschen fällt ihre Stimme überhaupt erst dann auf, wenn sie nicht mehr funktioniert, wie schade!

Erfreulicherweise hat sich die Erkenntnis, dass die Akustik und die körpersprachliche Präsenz ganz wesentliche Komponenten der Überzeugungskraft sind, inzwischen herumgesprochen.

Die meisten Menschen glauben allerdings, dass sie im Gegensatz zur Optik an ihrer Stimme nicht viel verändern können, nach dem Motto: Passt schon, oder Pech gehabt. Das ist Nonsens.

Die eigene Haltung hörbar machen

In Stimmtrainings geht es immer darum, neben den Inhalten auch die eigene "Haltung" hörbar werden zu lassen. Nur so können Gedanken und Konzepte oder gar Visionen an den Mann und die Frau gebracht werden. Wer begeistern will, muss "stimmig" sein und Stimmung erzeugen; die viel beschworenen Emotionen auslösen können, die Begeisterung, die Unternehmertum nun mal braucht. Dabei geht es nicht um eine "schöne", sondern die "freie" Stimme, mit all den wunderbaren Möglichkeiten, ihr ganzes Spektrum auszuloten.

In vielen Menschen sitzt eine tiefe Angst, die Kontrolle zu verlieren, von der Wucht ihrer eigenen Gefühle überrollt zu werden. Die Folgen sind bekannt: bleierne, monotone und einschläfernde Reden und Präsentationen. Im Mut zu stimmlicher Lebendigkeit steckt auch die Furchtlosigkeit vor dem Kontrollverlust. Um dieses Risiko eingehen zu können, braucht es viel Übung.

Wie oft erlebe ich, dass hoch qualifizierte Frauen, die bereits einen langen Weg des beruflichen Aufstiegs gemeistert haben, sich unter Wert verkaufen. Denn: Sie werden schlichtweg nicht gehört. Ihre Stimmen sind zu leise, unsicher, undeutlich, nicht belastbar und werden bei Aufregung schrill, brüchig oder zu schnell. Kommt dazu eine unzureichende und wenig überzeugende körperliche Präsenz, was leider häufig vorkommt, ist das Desaster perfekt. Die meisten von ihnen wissen um ihr Versagen und leiden darunter. Nach ganz oben kommen nämlich nur die, die sich Gehör zu verschaffen wissen.

Auch bei vielen Männern "stimmt" es nicht

Um es auf den Punkt zu bringen: Es handelt sich um das weit verbreitete Drama, dass die innere Kompetenz nicht mit der äußeren überein stimmt.

Das ist nicht nur ein weibliches "Problem"! Auch bei vielen Männern "stimmt" es nicht.

Wenn ich nach den Wünschen frage, die meine Klienten an die eigene Stimme, aber auch an eine Rednerstimme per se haben, kommt eine lange Liste, auf der neben vielen anderen verlässlich diese drei Eigenschaften stehen: Warm, voll und angenehm soll sie sein! Klar und deutlich sowieso, angemessenes Tempo, Lautstärke, Dynamik obendrein.

Und immer folgt verlässlich die Frage, ob das denn überhaupt erlernbar sei?

Die Antwort ist ein klares Ja! Und so sicher wie das Amen in der Kirche, gehört zu einer Topfrau eine Topstimme. Wer sich dann noch taub stellen will, eine solche Frau zu überhören und zu übergehen, wird sich schwer tun.

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