Samstag, 21. Oktober 2017

Top-Frauen und ihre Erfolgsgeschichten Warum ich eine Ebene unter dem Vorstand kündigte

Abschied von den großen Jungs: Heute führt Michaela Bürger eine Unternehmensberatung mit 30 Mitarbeitern.

Michaela Bürger übergab Ex-Siemens-Chef Peter Löscher Ihre Kündigung just als sie für ein Vorstandsmandat gehandelt wurde. Hatte Sie das Spiel der Macht nicht verstanden?

Als ich am 31.12.2008 mittags meinen Ausweis beim Pförtner in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München abgab, spürte ich nur noch die Leere. Als ich das Hauptportal durchschritt, fühlte es sich an, als hätte ich meine Identität zurückgelassen. Da wurde mir bewusst, wie sehr ich in meinen Aufgaben aufgegangen und mit diesem Unternehmen verschweißt war. Die Verbundenheit dauert bis heute an und jede negative Schlagzeile, jede unkluge Personalentscheidung berührt auch mich.

Warum dann dieser konsequente Abschied von Siemens Börsen-Chart zeigen ? Die Antwort findet sich in meiner Biografie: Ich bin in einem kleinen Ort am Schliersee aufgewachsen. Dort im Süden Oberbayerns sind die Menschen bodenständig, auf ihre stolze Art selbstbewusst und auch ein bisschen rauflustig, wie Gerhard Polt zum Beispiel, der fast mein Nachbar ist.

Dieses Umfeld hat mich geprägt und natürlich der Umstand, dass mir früh Verantwortung angetragen wurde, für die schöne Natur um uns herum oder die Feriengäste im elterlichen Hotelbetrieb. Mein Unabhängigkeitsdrang war immer schon so groß wie mein Bedürfnis nach Sicherheit.

Anerkennung erhielt man in unserer Familie vor allem bei guten Leistungen; und wenn etwas gut war, konnte es auch immer noch besser sein. Ich hatte Disziplin, Biss, einen hohen Anspruch an mich selbst, mit 17 Jahren das Abitur und einen festen Freund, meinen zukünftigen Mann. Als ich mit 21 Jahren diplomierte Betriebswirtin (FH) "summa cum laude" war, ging's lückenlos ins Berufsleben - ich wurde Siemensianer und begann meine Laufbahn im Unternehmensbereich Halbleiter, drei Jahre später wurde mir die erste Führungsaufgabe anvertraut.

Führungsaufgabe in Teilzeit

Bis auf die 150 Auszubildenden, die ich in meiner Obhut hatte, waren alle meine Mitarbeiter mindestens 10 Jahre älter und viel länger im Unternehmen. In dieser Funktion erlebte ich auch den ersten Merger und das Aufeinanderprallen zweier Unternehmenskulturen: eines inhabergeführten Paderborner Unternehmens und eines Großkonzerns.

Ich stieg zur Personalreferentin auf, heiratete und vier Jahre später wurde unsere Tochter geboren. Ein Kind ist das Schönste und Schwierigste zugleich. Nichts ist mehr, wie es war. Der gesamte Alltag richtet sich plötzlich nach den Bedürfnissen des kleinen Sonnenscheins, vorbei ist es mit unumstößlichen Plänen und Strukturen. Ich wollte berufstätig bleiben und gleichzeitig eine intakte Familie aufbauen.

Aber von vielen Seiten wurden mir Vorwürfe gemacht, weil ich mich nicht vollumfänglich meiner Tochter widmete. Auch der Siemens-Chef brauchte einige Monate bis er überzeugt war, dass ich meiner Führungsaufgabe in Teilzeit gerecht werden konnte. Trotz meiner Standfestigkeit bekam ich durch den ständigen Rechtfertigungszwang ein schlechtes Gewissen.

Am wenigsten Probleme hatte mein Team, für das ich jederzeit- egal ob früh oder spät - im Homeoffice oder in der Spielgruppe ansprechbar war. Das setzt lückenlose Organisation voraus. Ohne die Unterstützung meines Mannes, der Kinderfrau, Familie und Freundinnen wäre der Alltag mit Dienstreisen, langen Arbeitstagen, Kinderkrankheiten und der Gründung einer Montessori-Schule nicht zu meistern gewesen. Wenn ich müde heimkam, war unsere Tochter putzmunter und verlangte volle Aufmerksamkeit. Meist bin ich vor ihr eingeschlafen.

Wir sind alle miteinander gewachsen. Auch im Konzern entwickelte ich mich weiter, übernahm operative und strategische Aufgaben in unterschiedlichen Bereichen, verantwortete zentrale Projekte im Stammhaus, die auch mit temporären Auslandseinsätzen verbunden waren.

Mit 34 Jahren dann hatte ich es geschafft! Ich wurde Mitglied des oberen Führungskreises der Siemens AG. Mein Chef hielt eine wertschätzende Ansprache, es gab ein warmes Mittagessen mit Bedienung, meine Familie wurde in die Firma eingeladen, auch meine Eltern, und mein Mann mit dem Satz gewürdigt: "Hinter jeder starken Frau steht ein starker Mann!". Beim Gedanken daran bekommt er noch heute einen dicken Hals.

Zum Vertrag gab es einen Dienstwagen, Vorhänge im Büro und eine eigene Sekretärin. Wow, dachte ich, jetzt spielst Du bei den großen Jungs mit, jetzt wird es spannend. Du bist oben, Du hast Einfluss, kannst die Dinge nach Deinen Maßstäben ausrichten.

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