Freitag, 20. April 2018

Top-Frauen und ihre Erfolgsgeschichten Wie ich meinen ersten und entscheidenden Machtpoker gewann

Andrea Och will, dass Frauen mehr Lust auf Macht entwickeln

Erfolgreiche Managerinnen zeichnen für manager magazin online ihren Weg nach oben nach - und berichten, worauf es ankommt. Andrea Och sieht Führungskräfte als wertvolle Marken - die sich durch eigenes Branding hervortun müssen.

Da war sie also, meine große Chance, die Berufswelt zu erobern. Ich hatte die Uni erfolgreich hinter mir, die Ratschläge meines Vaters im Ohr, die Haare offen und das zweite Vorstellungsgespräch meines Lebens vor mir. So stand ich also in einem rosa Kostüm mit Schulterpolstern - es war das Jahr 1992 - im Foyer eines klassischen Hidden Champions (Weltmarktführer im Familienbesitz).

Die Firma suchte einen Trainee als Assistenz für die Geschäftsführung, und ich war bereit, begeistert, beflügelt. Meine Karriere - nur noch zwei Etagen, ein Vorzimmer, einen Konferenzraum entfernt. Ich ahnte schon vor dem ersten Handschlag: Hier ist ein Umfeld, in dem ich möglichst schnell, möglichst viel lernen und eigenverantwortlich gestalten kann. Schließlich war die Herausforderung, die Marke weltweit aufzubauen (um die Marktführung langfristig zu sichern und weiter auszubauen).

Die Firma wurde von zwei Geschäftsführern geleitet: einem Externen (nennen wir ihn E) und einem Familienmitglied (folglich F); beide mit unterschiedlichen Aufgaben- und Verantwortungsbereichen. Mein Gespräch führte ich mit E, es lief bestens und endete mit einem Vertrag in der Hand.

F wusste von nichts, doch F war zukünftig mein direkter Vorgesetzter. Ich brannte für meinen Job. Dass ich auch für Zündstoff sorgte - im Spannungsfeld zwischen E und F -, das wusste ich damals noch nicht. Um es heute nüchtern zu sagen: Ich hatte keinen Schimmer von internen Strukturen, politisch brisanten Themen und Einzelinteressen. Woher auch.

Da war sie also, die Abseitsfalle, das verdeckte Foul

Meine Einstellung war für alle ein Glücksgriff. In den ersten zwei Jahren modernisierte ich die Marke grundlegend für die weltweite Expansion und baute die notwendigen Marketingstrukturen auf. Ich hatte viel Freiraum, ich hatte schnellen Erfolg. Attacken ignorierte ich ebenso wie Schmeicheleien. Bis mir E das Angebot machte, als Marketingleiter in seinen Geschäftsbereich zu wechseln; sofort - und kein Wort zu F (andernfalls gäbe es für mich keine Marketingverantwortung mehr).

Da war sie also, die Abseitsfalle, das verdeckte Foul. Mein Vorteil: Ich hatte in der Zwischenzeit ein neues Ziel - und einen eigenen Plan, mit dem keiner gerechnet hatte. Ich wollte kein Spielball sein, lieber Mitspieler, auch Spielführer: ab durch die Mitte zum Erfolg.

Mein erster Schritt: Selbstverständlich redete ich (bin gradlinig und loyal) mit F; erst über das Angebot von E, dann über meinen Plan. Der sollte nicht nur für mich von Vorteil sein, sondern vor allem für F und das Unternehmen. Ein klassisches win-win! Ich präsentierte ihm ein damals völlig neues Qualitätsmanagementsystem (heute Standard) zur Lösung der Produktionsprobleme aus der Expansion.

Die Personalie für den neuen Aufgabenbereich lieferte ich gleich mit: Mich! Danach stellte ich mein Konzept den übrigen Firmenbesitzern vor. Erst dann wurde E eingeweiht. Er war sauer - und ich gedanklich, sowie machtpolitisch einen Schritt weiter. In den folgenden Wochen plante ich das Projekt, arbeitete einen neuen Marketingleiter ein, legte nebenbei meine Prüfungen zum Fachauditor und Qualitätsmanager ab und organisierte Fördermittel. Rückblickend kann ich sagen, dass ich damit (unbewusst) meine Voraussetzungen schuf, einige Jahre später in die Unternehmensberatung (mein großes Wachstumsfeld) zu wechseln.

Die Firma arbeitet übrigens noch heute erfolgreich mit meinem Qualitätsmanagementsystem, die beiden Geschäftsführer sind auch noch da und rosa Kostüme mit Schulterpolstern zum Glück nicht wieder in Mode. Für mich und mein eigenes Führungsverhalten habe ich damals unter anderem Folgendes gelernt:

  • Sich die Interessen, Ziele und Machtverhältnisse der Menschen, mit denen man zu tun hat, bewusst zu machen, hilft, selbst nicht zwischen Fronten zu geraten, bewahrt vor Feinden und erweitert - bei einer realistischen Selbsteinschätzung - den eigenen Einfluss.
  • Eigene Ziele sind unerlässlich.
  • Aktiv Neuland betreten bietet hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Spiele schaden massiv der Produktivität. Wer zu verlieren droht, neigt dazu, aus Spiel schnell Ernst zu machen. Manchmal ist so ein Spiel aber unvermeidlich, allerdings nicht persönlich. Es nach den eigenen Regeln zu spielen, erhöht die Gewinnchancen. Und:
  • Ein kühler Kopf ist wichtig. Emotionen vernebeln den Blick fürs Wesentliche.

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