Dienstag, 27. September 2016

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So geht weibliche Führung richtig Bloß keinen Mann im Rock!

Martina Koederitz (IBM) mit Kanzerlin Merkel: Immer noch sind Frauen an der Spitze die große Ausnahme

Mit knirschenden Zähnen versuchen die Vorstände und Aufsichtsräte dieser Republik, ihre Führungsetagen weiblicher zu gestalten. Sie müssen, ob sie wollen oder nicht: Die Quote, die mal mehr, mal weniger bejubelt wurde, soll es nun richten und endlich, endlich für das Geschlechtergleichgewicht in den Top-Etagen der Großkonzerne sorgen. Doch die Realität ist - wer hätte es gedacht - eine andere: In die Aufsichtsräte der 200 größten Unternehmen in Deutschland schafften es bis heute lediglich 18,4 Prozent Frauen, in die Vorstände sogar nur 5,4 Prozent.

Fakt ist: Immer noch sind Frauen an der Spitze die große Ausnahme. Wenn überhaupt, schaffen sie es in die Aufsichtsräte, gelingt der Sprung in den Vorstand, ist es meist ein kurzer Ausflug- die, die es geschafft haben, halten sich nur selten für längere. Die Ursache liegt einer Studie der Unternehmensberatung KPMG zufolge, na klar, bei den Männern. Männer pushen ein Unternehmen, Frauen dekorieren es. Dieser Grundsatz gilt in den meisten Unternehmen bis heute. Und wenn eine Frau einmal eine (weniger dekorative) Chance erhält, muss sie typisch männliche Eigenschaften aufweisen, um sich zu halten. Sie müsse zum "Mann im Rock" avancieren, schreiben die Unternehmensberatern aus Frankfurt.

Ein nicht aufzulösendes Dilemma also, wonach Frauen nur dann an die Spitze gehören, wenn sie kerniger, sprich männlicher, werden? Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist. Ich bin überzeugt, die Zeit und wir Frauen werden es - natürlich gemeinsam mit den Männern - schon richten. Eines ist doch bereits heute unbestreitbar: Wenn man eine Frau lässt, kann sie es genauso gut, wie ihre männlichen Kollegen - ganz unbeeindruckt von den vielen Studien, die uns das Gegenteil glauben machen wollen. Beispiele, die dies eindrucksvoll belegen, finden sich einige: Angela Merkel, Hillary Clinton, Sheryl Sandberg, Martina Koederitz, Tina Müller, Julia Jäckel. Sie alle stehen an der Spitze, sie alle vereint Erfolg. Was haben diese Frauen, was andere intelligente Frauen nicht haben? Oder anders gefragt: Wie haben sie es an die Spitze geschafft?

Unabhängig von Talent, Intelligenz, von Bildung und Ausbildung, Karriere und Führungsgeschick glaube ich fest daran, dass es auch und vor allem die Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter sind, die diese Frauen unterstützend dorthin gebracht haben, wo sie heute sind. Anders ausgedrückt: Diese Frauen haben es verstanden, ein Netzwerk zu bauen und es im entscheidenden Moment zu nutzen.

Und genau hier liegt die Crux: Männer stricken seit Jahrhunderten ihre Karrieren über derartige Zusammenschlüsse; sie nutzen Sportvereine, die Ehemaligenclubs ihrer Universitäten, Logen, Business Circles, den Lions Club oder die Rotarier - Zusammenschlüsse übrigens, zu denen Frauen lange Zeit keinen Zugang hatten und die bis heute männlich orientiert und organisiert sind. Hier hat die weibliche Führungselite des Landes noch erheblich aufzuholen, um sich entweder eigene Netzwerke zu schaffen oder sich Zugang zu den ehemals männlichen Clubs zu erobern.

Auch wenn es Männern deutlich leichter fällt zu "netzwerken", sollten Frauen die Chance, berufliche Kontakte zu knüpfen und von ihnen zu profitieren, besser nutzen als bislang. Zusammenschlüsse wie das Karrierenetzwerk Generation CEO sind ein Beispiel und können als Karrieresprungbrett dienen. Allerdings: Hat man die Weichen durch eine Mitgliedschaft in einem solchen Zirkel einmal richtig gestellt, sollte zügig der nächste Schritt folgen: die "gelebte" Vernetzung, also das echte Miteinander, der echte Austausch, die ernstgemeinte gegenseitige Unterstützung.

Aber auch hier haben wir Frauen eine Menge nachzuholen, wenn wir mit unseren männlichen Konkurrenten um die Spitzenpositionen konkurrieren wollen. Wir müssen lernen, uns aufeinander zu verlassen, uns zu trauen und zu vertrauen, einander Wege zu weisen - nur dann gelingt, was diese Gesellschaft so dringend braucht: die richtige Frau in die richtige Vorstands- oder Aufsichtsratsposition zu hieven. Das, was Männer beinah intuitiv nach oben treibt, nämlich das Miteinander, das natürliche Platzieren von Vertrauten an entscheidenden Schaltstellen, geht uns Frauen meistens noch ab.

Wir sind einander gegenüber misstrauischer, kritischer und grundsätzlich zurückhaltender. Wir tun uns schwer, Ratschläge einzuholen, aus Angst, anderen damit eine offene Flanke für Kritik zu bieten. Wir müssen an uns selbst und miteinander arbeiten. Wir müssen unsere Netzwerke als das begreifen, was sie sein können: ein Sprungbrett an die Spitze und ein Sicherheitsnetz, wenn die Dinge mal nicht optimal laufen. Das passiert, es passiert Männern und natürlich auch Frauen. Wenn wir das hinkommen, dann klappt's auch mit dem Vorstandsmandat. Ganz ohne Quote.

Antje Neubauer ist stellvertretende Leiterin der Unternehmenskommunikation bei der Deutschen Bahn AG. Sie ist Mitglied im Aufsichtsrat von DB Vertrieb und im Vorstand von GenerationCEO, einem Netzwerk, das sich für die Förderung von Frauen in Führungspositionen einsetzt.


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