Montag, 25. Juli 2016

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Frauen als Gründer und Chefs Start-ups - sprengt den Boys-only-Club!

Delia Fischer: Die Gründerin des Online-Shoppingclubs "Westwing" ist eine von wenigen Ausnahmen. In Deutschland sind Frauen an der Spitze von Start-ups äußerst rar
Hannes Rohrer/ Westwing
Delia Fischer: Die Gründerin des Online-Shoppingclubs "Westwing" ist eine von wenigen Ausnahmen. In Deutschland sind Frauen an der Spitze von Start-ups äußerst rar

Weibliche Chefs sind heute für die junge Generation völlig normal. Die 20- bis 30-Jährigen haben kein Problem mit Frauen als Vorgesetzten, die alten Klischees und Vorurteile kennen viele nur vom Hörensagen. Doch ausgerechnet der Start-up- und Tech-Sektor, der wie kein anderer von eben dieser Generation aufgebaut und geprägt wird, ist weitgehend ein Boys-only-Club.

Frauen als Investorinnen, Gründerinnen oder Führungskräfte sind eine verschwindend kleine Minderheit, es sind nahezu ausschließlich männliche Persönlichkeiten, die diese jungen Unternehmen maßgeblich prägen.

Sicher, gerade in Berlin, Deutschlands Start-up-Metropole Nummer eins, gibt es auch Gegenbeispiele wie Delia Fischer (Westwing), Lea Sophie Cramer (Amorelie) und Constanze Buchheim (i-Potentials). Aber auch diese weiblichen Erfolgsstorys können nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch immer 87 Prozent aller Unternehmensgründer (in Deutschland) männlich sind und Frauen selbst in Start-ups außerhalb der Tech-Branche nur in homöopathischer Dosis Managementpositionen innehaben.

Wie kommt das? Warum lebt die Gründergeneration nicht das Frauenbild vor, das sie in anderen Bereichen ganz selbstverständlich erwartet? Warum bleiben gerade diese sonst so fortschrittlichen Firmen in diesem Punkt hinter dem Fortschritt zurück?

Heike Schwesinger
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    Heike Schwesinger ist Personalberaterin in Frankfurt. Sie ist außerdem Regionalvorstand der Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte" (Fidar).
Reflexartig werden auf diese Fragen immer dieselben Gründe genannt: der Frauenmangel in Tech-Berufen oder Vorurteile der (vorwiegend männlichen) Investoren. Doch diese Argumente allein taugen nicht als Erklärung für das gewaltige Missverhältnis.

"Lean in", lautet der Rat von Facebook-COO Sheryl Sandberg an Frauen, die klassischen Führungsstrukturen Karriere machen wollen, hängt euch rein. Doch gilt das auch für Frauen in Start-ups? Oder sind jenseits der üblichen Hierarchien andere Faktoren relevant, um nach oben zu kommen?

Ein wesentlicher Aspekt für die weitgehende Abwesenheit von Frauen als Gründerinnen und Managerinnen von jungen Unternehmen ist ihre Risikoeinschätzung. Diverse neurologische Studien haben gezeigt, dass das weibliche Gehirn finanzielle Risiken grundsätzlich höher einschätzt als das männliche. Stress verstärkt diesen Unterschied noch einmal zusätzlich. Frauen agieren daher bei wirtschaftlichen Entscheidungen oft risikoaverser als Männer. Aus dem Blickwinkel einer weiblichen Risikokalkulation sind Start-ups für Frauen also weniger attraktiv als für Männer.

Wichtige Bereiche der Wirtschaft weitgehend ohne weibliche Beteiligung

Der Mythos Start-up verleitet leicht dazu, die Gründerszene als eine Art Schmiede für garantierten Erfolg zu sehen. Tatsächlich ist dieser Wirtschaftsbereich jedoch wie kein zweiter von Volatilität und Risiko geprägt. Entsprechend hoch sind der persönliche Einsatz und das individuelle Risiko der Gründer. Sie investieren nicht nur finanzielle Ressourcen, sondern richten oft ihr ganzes Leben nach den Erfordernissen ihres Geschäfts aus. Wenn Frauen das Risiko des Scheiterns grundsätzlich höher einschätzen als Männer, ist zu erwarten, dass diese Abwägung häufiger zu einer ablehnenden Entscheidung führt.

Da weit mehr als die Hälfte aller Start-ups scheitern, ist diese Zurückhaltung vordergründig in den meisten Fällen sogar die richtige Entscheidung - jedoch verpassen Frauen auf diese Weise nicht nur die Chancen erfolgreicher Gründungen, sie nehmen sich selbst und den jungen Firmen auch die Möglichkeit, ein Gegengewicht zur oftmals zu hohen Risikobereitschaft der Männer zu bilden.

Angesichts der großen disruptiven Effekte vieler Start-ups weit über den Tech-Sektor hinaus werden damit auch wichtige Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft weitgehend ohne weibliche Beteiligung gestaltet. Zudem untergräbt das Fehlen der Frauen in diesem wachsenden Sektor die Selbstverständlichkeit weiblicher Führung, die sich anderswo gerade mühsam durchzusetzen beginnt.

Von außen lassen sich kaum Anreize zur Förderung von Frauen in der Start-up-Unternehmen setzen, da sie weder starken gesetzlichen Regulierungen, noch dem Druck der öffentlichen Meinung unterliegt, die in den "alten" Industrien langsam zu einem Kulturwandel führen. Richtet ein Geldgeber ein besonderes Augenmerk auf Gründerinnen, haftet diesen Investmentstrategien oft der Eindruck der Philanthropie oder des sozialpolitischen Engagements an, nicht unbedingt der eines smarten Investments.

Doch sowohl die Start-ups als auch die Gesellschaft brauchen junge Frauen, die bereit sind, ihr Können, ihre Perspektive und ihre Ideen zur Verfügung zu stellen. Dabei ist es nicht damit getan, einfach nur ein größeres Selbstbewusstsein zu verlangen, auch Sheryl Sandbergs Aufforderung "Lean in" reicht nicht aus. Denn hier geht es um mehr als die eigene Karriere, es geht um etwas grundsätzlich Neues, um Kreativität und Mut außerhalb der Komfortzone und darum, den Status quo alter Geschäftsmodelle durch disruptive Ideen infrage zu stellen. Das besondere Bewusstsein von Frauen für Risiken sollte hier nicht als Hürde, sondern als Vorteil gesehen werden. Manche unausgereifte Idee könnte so vor einem vorschnellen Start und damit vor dem Scheitern bewahrt werden.

Ein "Mutsprung" ins kalte Wasser ist nötig, um Gründerinnen einen maßgeblichen Einfluss auf die Wirtschaft von morgen zu sichern.

Anders ausgedrückt: "Don't just lean in - leap in!" Auch wenn das Wasser ziemlich kalt sein kann.


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