Mittwoch, 19. September 2018

Wer wird die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns? Wir brauchen eine Frauenquote für CEOs

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ministerpräsidentin Manuela Schwesig: Von den 500 größten Unternehmen weltweit werden gerade einmal drei Prozent von einer Frau als CEO geleitet.

Wenn Gott eine Frau wäre, hätte es sicher längst eine von uns an die Spitze eines börsennotierten deutschen Unternehmens geschafft. Doch leider scheiden sich die Geister schon an der Frage, ob Gott überhaupt existiert - und zwar ganz unabhängig seines (oder ihres?) Geschlechts.

Die Existenz topausgebildeter und karrierewilligen Frauen bestreitet dagegen heute niemand mehr. Es gibt sie, und es werden immer mehr. Umso erstaunlicher ist deshalb die Tatsache, dass lediglich 24 von insgesamt 200 Vorstandspositionen in deutschen Dax-Unternehmen von Frauen besetzt sind. An der Spitze eines solchen Großkonzerns findet sich keine einzige. International fällt die Bilanz kaum besser aus: Von den 500 größten Unternehmen weltweit werden gerade einmal drei Prozent von einer Frau als CEO geleitet.

Antje Neubauer
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    Claudia Kempf
    Antje Neubauer ist als Vorstandsmitglied bei "Generation CEO", dem Business Netzwerk für Frauen im Top-Management, verantwortlich für den Bereich Kommunikation. Begonnen hat sie ihre berufliche Laufbahn - nach einem Studium der Kommunikationswissenschaft, Anglistik und Psychologie - bei RWE Telliance, der Telekommunikationstochter des Essener Energiekonzerns. Heute ist sie Marketingchefin bei der Deutschen Bahn.

Traurig und beschämend, allerdings offenbar kaum bekannt: Die gefühlte Wahrheit sieht ganz anders aus. Bei einer Umfrage unter 20.000 Menschen in 27 Ländern taxierten die Befragten den Frauenanteil unter den Chefs der Top 500 weltweit auf etwa 15 Prozent. Was für eine Diskrepanz!

Die Quote bei Aufsichtsräten hat sich bewährt

Aber was kann, was muss sich ändern, damit die gefühlte Wahrheit Realität werden kann? Wie wäre es mit einer Quote? Warum sollte das, was in den Aufsichtsräten der Republik so trefflich funktioniert, nicht auch bei der Besetzung der Unternehmensspitze eine Möglichkeit sein? Traut man den Statistiken und der Wirtschaftspresse, die bereits etliche Kandidatinnen mit dem Zeug zum CEO identifiziert haben, gibt es wahrlich genug weibliches Karrierepotenzial. Man muss es nur wollen und sich einlassen auf das, was hier an Möglichkeiten schlummert. Also schreiben wir es doch fest: Für jede neu zu besetzende CEO-Position muss es neben einem Kandidaten mindestens auch eine Kandidatin geben.

Sinnvoll wäre es, in einer ersten Auswahlrunde ausschließlich anonymisierte und geschlechtsneutrale Profile zu sichten und zu beurteilen. Ich bin überzeugt, es gäbe zahlreiche Lebensläufe, bei denen sich eine Frau hinter dem vielversprechendsten Profil für die Position verbirgt. Mich erstaunt ohnehin, dass die Aufsichtsräte mit einem Frauenanteil von immerhin 20 Prozent immer wieder auf einen Mann als Unternehmenslenker verfallen - ohne -den Anschein hat es zumindest - sich die weibliche Konkurrenz auch nur näher angeschaut zu haben.

Wir müssen nicht gemocht werden. Aber anerkannt

Eine der wenigen, die man sich zumindest ansatzweise näher angeschaut hat, ist Simone Menne. Sie schaffte es in den Vorstand und auf den Posten der Finanzchefin bei einem Dax-Konzern. Als es um die Neubesetzung der CEO-Position bei ihrem damaligen Arbeitsgeber, der Lufthansa AG, ging, brachte sie sich selbst ins Gespräch - sehr zum Leidwesen eines Aufsichtsratsmitglieds, wie sie später selbst erzählte. So etwas, so der Kollege aus dem Kontrollgremium, mache man einfach nicht. "Schon gar nicht als Frau", klingt da mit.

Doch, sage ich. Genauso müssen wir es machen. Wir müssen sehr viel selbstbewusster als bislang unsere Talente und unser Vermögen, einen solchen Posten ausfüllen zu können, in die Waagschale werfen. Wir müssen sehr viel selbstbewusster als bislang zeigen, wer wir sind und was wir können. Auch und gern mit den entsprechenden Reibungsverlusten. Wir müssen dafür nicht gemocht werden, wir wollen dafür anerkannt werden. Es muss neben dem Marketing- oder dem Personalressort, die für uns Frauen ja gern als passend angesehen werden, auch ganz selbstverständlich möglich sein, dass weibliche Führungskräfte Finanz- oder IT-Vorstand werden. Oder eben Vorstandsvorsitzende. Auch wenn es immer noch Menschen gibt, die uns Frauen gern auf unsere "typisch weiblichen" Eigenschaften wie empathisch, sozial und loyal reduzieren - und damit dafür sorgen, dass der (männliche) Status quo bis heute fortbesteht und festgeschrieben bleibt.

Aufsichtsräte, traut euch endlich!

Ich wünsche mir, dass sich ein Aufsichtsrat endlich einmal traut, einer Frau den CEO-Hut in die Hand zu drücken. Ich wünsche mir, dass ein solches Gremium einstimmig beschließt, dass eine Frau die Richtige für den Job ist, wenn es beispielsweise darum geht, der Automobilbranche neuen elektromobilen Schwung zu geben und das Abgasdesaster zu beenden. Ich wünsche mir, dass wir darüber, ob eine Frau tatsächlich einen Mann an der Spitze eines Unternehmens ablösen kann, nicht mehr diskutieren, sondern es als ganz natürlich empfinden, dass hier die Bessere gewonnen hat.

Klar ist: Die erste von uns wird es schwer haben. Richtig schwer. Jeder wird auf dieses Unternehmen schauen. Jeder Schritt, den sie macht, jedes Wort, das sie ausspricht, wird auf dem Prüfstand der kritischen Öffentlichkeit (und der Medien) landen. Jede strategische Entscheidung wird man hinterfragen. All das wird passieren, aber: Warum auch nicht? Als Frau, die Karriere gemacht hat, ist man es doch ohnehin gewohnt, dass die eigenen Entscheidungen gern auch mal infrage gestellt werden. Man (Frau) landet doch immer wieder im Kreuzfeuer der (meist männlichen) Kritik, wenn unpopuläre Wege gegangen oder Dinge ausgesprochen werden, die "man(n) so nicht sagt".

Also, so what? Wir sollten es einfach versuchen und der ersten Frau die Chance geben, einen Dax-Konzern zu lenken. Ich setze darauf, dass wir schon bald die Richtige finden und dass ihr etliche andere folgen werden. Und wer weiß: Vielleicht finden wir ja irgendwann auch heraus, dass Gott eine Frau ist. In diesem Sinne: Möge die Zukunft weiblich sein.


Antje Neubauer ist Marketingchefin bei der Deutschen Bahn und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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