Montag, 17. Dezember 2018

Warum die Rede von der Selbstbestimmung in die Irre führt Die Entscheidung liegt bei Dir! - Was nun?

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Stephanie Schorp und Rebekka Reinhard
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    Rebekka Reinhard (rechts) ist promovierte Philosophin, Key Note Speaker für Unternehmen, Redakteurin der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft und Bestseller-Autorin. Zuletzt veröffentlichte sie die "Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)" und "Nachdenkzeit 2018: 365 philosophische Denkanstöße".
    Stephanie Schorp studierte Psychologie und Betriebswirtschaft. Sie führt seit zwei Jahren die Executive Placement Beratung Comites zusammen mit dem Gründer Andreas Föller. Sie verfügt über Zusatzausbildungen in Coaching, systemischer Beratung und Hypnotherapie.

Entscheidungen begleiten uns ein Leben lang. Mit der Schulwahl und bestimmten Fächerkombinationen fängt es an. Weiter geht es mit der richtigen Studienwahl, dem ersten Jobangebot, später mit Jobwechsel oder schwerwiegenden Entscheidungen im Beruflichen wie Privaten. Manchmal wird man auch entschieden - und das kann ziemlich schmerzhaft sein. Wegen augenscheinlich notwendigen internen Umstrukturierungen, Marktveränderungen, oder aber, weil man dem Chef zu unbequem geworden ist.

Und wenn dann auch noch dem Lebenspartner einfällt, dass er den weiteren Lebensweg doch lieber mit jemand anderem gehen möchte, oder die Kinder in gefährlichen Peergroups unterwegs sind? Bei den wirklich wichtigen Entscheidungen ist die Ratlosigkeit groß, und Entscheidungskompetenz, wie es nun weiter gehen könnte, mehr denn je gefragt.

Ein bisschen mehr Entschlossenheit, und die Welt gehört Dir! Werde ein freier, selbstbestimmter Mensch, und zwar heute noch! Selbstbestimmtheit bei Entscheidungsprozessen scheint das höchste Gut zu sein, ob es um große Karrieren, gleichberechtigte Beziehungen oder die selbstständige Lebensgestaltung im fortgeschrittenen Alter geht. Was soll ich tun, wenn mein Vorstand von mir permanent Unmögliches verlangt, mich in die Enge treibt? Oder was, wenn meine Kinder plötzlich nicht mehr "funktionieren" und nur noch schlechte Noten nach Hause bringen? Wie gelingt mir ein Neustart?

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Wenn es um Fragen wie diese geht, überfrachtet man uns regelmäßig mit Management- und Selbsthilfeliteratur zu Selbstführung und Selbstcoaching. Mantraartig und einlullend wie die Schlange Ka in Dschungelbuch gibt man uns mit verlockenden Titeln wie "Die Entscheidung liegt bei Dir!" zu verstehen, dass wir uns nicht so anstellen und gefälligst das Richtige tun sollen. Aber was ist das Richtige? Genau das ist die Schwierigkeit. Was ist fake, was ist echt? Wer hat Recht, links oder rechts, schwarz oder weiß? Hinter all dem lauert die Frage, inwieweit selbstbestimmte, rationale Entscheidungen überhaupt möglich - und sinnvoll sind.

Unser Leben wird durch Entscheidungen maßgeblich geprägt - nicht selten mit drastischen Konsequenzen auch für unser Umfeld. Schon in den 1960er Jahren nannte der Ökonom Peter Drucker Entscheiden eine der Kernaufgaben des "effective executive". Seither ist die Welt um Einiges komplexer geworden - vernünftige Gewohnheiten wie Zeitmanagement oder Priorisierungen sind keine sicheren Patentrezepte mehr. Charakteristisch für die "neue Unübersichtlichkeit" (Jürgen Habermas) sind heute die durch die Digitalisierung, Migration, Populismus oder Klimawandel bedingten Veränderungen, die sich mit den Kontingenzen unserer individuellen Biographien auf komplexe Weise vermengt.

Was nun? Menschen haben ein ureigenes Kontroll- und Kompetenzbedürfnis. Das Gefühl, Einfluss auf die Geschehnisse und den "locus of control" bei sich zu haben, scheint zumindest für die meisten von elementarer Bedeutung zu sein.

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