Mittwoch, 14. November 2018

Warum die Rede von der Selbstbestimmung in die Irre führt Die Entscheidung liegt bei Dir! - Was nun?

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AP

3. Teil: Die Rede von der Selbstbestimmtheit führt in die Irre

Die Rede von der Selbstbestimmtheit führt also in die Irre: Wir sind situativ gebundene soziale Wesen, die in einem bestimmten kulturellen Kontext und bestimmten Lebensformen agieren. Niemand lebt kontextfrei. Keiner ist sich selbst vollkommen durchsichtig. Der Mensch ist so komplex wie die Welt, in der er lebt: rational und emotional, suggestiv und suggestibel, moralisch und unmoralisch zugleich. Wir treffen keine "besseren" Entscheidungen, wenn wir blind Experten folgen. Wir entscheiden nicht "schneller", weil wir eine bestimmte App auf dem Smartphone installiert haben. In einer komplexen, unsicheren Welt fallen uns gerade schwierige Entscheidungen nur dann leichter, wenn wir die Perspektive wechseln - die Antwort auf unsere Fragen nicht im Außen, sondern in uns suchen. Nicht rational, sondern ganz intuitiv. Aus unserem Herzen heraus.

Eine nützliche "Gebrauchsanweisung" hierzu finden wir bei der amerikanischen Philosophin und "Hard Choices"-Spezialistin Ruth Chang. Laut Chang tun wir uns vor allem mit solchen Wahlalternativen schwer, die in der gleichen Werteliga spielen. Soll ich aus Karrieregründen nach Frankfurt ziehen oder in München bleiben? Soll ich die gläserne Decke durchbrechen oder meine Mutter zu Hause pflegen? Hinter solchen vermeintlichen Entscheidungsdilemmata stehen Werte wie Liebe und Verantwortung, die gegen den Wert der Freiheit nur schwer aufzuwiegen sind.

Werte sind keine quantifizierbaren Größen. Sie sind inkommensurabel. Sie rufen uns - mangels einer Antwort von außen - dazu auf, unsere "normative Macht" (Chang) auszuüben, und eine Entscheidung auf der Basis von Gründen zu treffen, die nur wir uns selbst geben können. Wofür lebe ich? Wer will ich sein? Wie kann ich die Persönlichkeit werden, die ich wirklich, von ganzem Herzen sein will? Das sind die Fragen, die uns hier wirklich weiterbringen. Nur wenn wir gleichsam unsere ganze Person als Folie hinter die jeweilige Entscheidungsoption legen, können wir wirklich "Redakteure unseres Lebens" werden, wie es einst Sören Kierkegaard, der Begründer der Existenzphilosophie, formulierte.

Ja, die Entscheidung liegt bei uns - aber sie hat viel weniger mit Selbstbestimmung zu tun, als uns einschlägige Ratgeber glauben machen wollen. Indem wir die Gründe für die "richtige Entscheidung" wieder und wieder, in einem nie abzuschließenden Prozess aus uns selbst schöpfen, macht uns das nicht unbedingt autonomer, rationaler, Irrtums-resistenter. Wir bleiben dieselben von Liebe, Anerkennung und Fürsorge abhängigen Lebewesen.

Gerade dadurch sammeln wir Erfahrungen und lernen intuitiv, entscheidungsfreudiger, mutiger, innovativer zu werden. Genauer hinsehen, sich zurücklehnen, Probleme von der Ferne betrachten, Entscheidungen nicht vorschnell und unüberlegt treffen, sondern sich ausreichend Zeit für gute Entscheidungen nehmen nach dem Motto "gut Ding will Weile haben": Ist das nicht genau das, was wir in einer VUCA-Welt brauchen? Was wir ihr entgegensetzen können - und müssen?

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