Sonntag, 19. November 2017

Entrepreneure des Jahres 2014: Vispiron Amir, der Gute

Vom iranischen Flüchtlingskind zum erfolgreichen deutschen Vorzeigeunternehmer - die ungewöhnliche Karriere des Amir Roughani.

Sieger in der Kategorie "Dienstleistung/IT": Amir Roughani, Vispiron
Dieter Mayr für manager magazin
Sieger in der Kategorie "Dienstleistung/IT": Amir Roughani, Vispiron
Wer in einem Schülerheim im Berliner Problembezirk Neukölln aufwächst, für den ist der Weg schon fast vorgezeichnet - und zwar in Richtung schiefe Bahn. Doch Amir Roughani (39), den seine Eltern 1987 während des iranisch-irakischen Krieges aus Angst um sein Leben nach Berlin schickten, wollte diesen Weg nicht gehen. Er folgte dem Appell von Vater und Mutter ("Mach was draus!"): Er dealte nicht, er klaute nicht, er rauchte nicht.

"Wenn wir auf der Couch im Heim saßen, wurde der Joint einfach an mir vorbei weitergereicht", erzählt er. Während die Mitschüler sich aus den Erlösen ihrer Hehlerei teure Dinge kaufen konnten, begnügte sich der Iraner mit seinen 30 Mark Taschengeld. Dabei hätte er so gern Tennis gespielt. Weil das zu teuer war, ging er zum Kegeln, und brachte es mit Rot-Weiß Berlin sogar bis in die Bundesliga.

Seine Disziplin und sein Ehrgeiz haben Amir Roughani weit gebracht. Sie legten die Basis für einen ungewöhnlichen Aufstieg: vom Flüchtlingskind zum Selfmade-Millionär.

In dunkelbraunem Anzug, weißem Hemd und dunkler Krawatte sitzt er nun als Chef und Inhaber der Vispiron GmbH im Empfangszimmer eines unscheinbaren Firmengebäudes am Rande von Schwabing. Aus dem Raum nebenan dringt lautes Kindergeschrei. "Das ist unsere Kita", entschuldigt sich Roughani. Eine Kindertagesstätte für ein Unternehmen mit gerade mal etwas mehr als 300 Mitarbeitern? "Warum nicht", antwortet Roughani, der selbst weder verheiratet ist noch Kinder hat: "Ich will, dass es meinen Leuten gut geht."

Deshalb hat er bei Vispiron auch schon eine Betriebsrente eingeführt. Oben gibt es einen Fitnessraum, unten mit der "V-Lounge" eine Kantine, in der man auch frühstücken kann. Die Obstteller in den Büros werden stets aufgefüllt. Bei Bedarf kommen Masseurin oder Friseurin in die Firma. Einmal im Monat trifft sich die Belegschaft mit der Geschäftsführung zum "Bier nach vier". Fast eine halbe Million Euro kosten Roughani diese Wohltaten pro Jahr.

Wettbewerb zwischen den Mitarbeitern ist ausgeprägt, aber transparent

Vispiron ist freilich mehr als nur eine Wohlfühloase. Der Wettbewerb zwischen den Mitarbeitern ist ausgeprägt, aber transparent. "Jeder weiß, was der andere verdient", sagt Roughani. Die Besten sollen bei ihm nach oben kommen - unabhängig von Geschlecht, Alter und Betriebszugehörigkeit. Da kann es schon mal passieren, dass eine junge Frau an einem langgedienten Kollegen vorbeizieht. Roughani gibt zu, dass so mancher damit nach wie vor ein Problem habe. "Aber ich erkläre dem Mann dann, warum er unterlegen ist und was er besser machen kann und muss."

Der Gründer geht nicht nur in der Mitarbeiterführung seinen eigenen Weg, auch die Firmenstrategie ist eigenwillig. Die Vispiron GmbH (ein Wortspiel aus Vision und Inspiration) basiert auf vier Pfeilern: Ingenieurdienstleistungen (vor allem für BMW und Audi), Messtechnik, Flottenmanagement und erneuerbare Energien. Das Unternehmen mit seinen 45 Millionen Euro Umsatz ist also ein Gemischtwarenladen, ein Minikonglomerat.

All die Kernkompetenz-Fetischisten würden Roughani eine Strategie von gestern vorwerfen. Ihn stört das nicht. Er hat die Modelle asiatischer Konglomerate - von Mitsubishi bis Samsung - sehr genau studiert und glaubt an deren und damit auch an seinen Erfolg. Zum Beweis führt er an: "In den letzten drei Jahren hatten wir jeweils einen anderen Champion in unserer Gruppe." Mal performe die Messtechnik, mal ein anderer Geschäftsbereich am besten.

Roughani war nicht immer selbstständig. Er hat bei zwei Konzernen gearbeitet (dem Pharmahersteller Schering und der Kirch-Gruppe) und einem kleineren IT-Dienstleister (Ascena). "Da habe ich mit Erstaunen festgestellt, wie viele Defizite die Manager haben." Die meisten Führungskräfte hätten nicht im Interesse der Firma gehandelt, sondern vor allem sich selbst optimiert. Insbesondere in Großunternehmen werde oft schlecht kommuniziert und intransparent gehandelt.

Das brachte ihn zum Nachdenken. Und es reifte in ihm die Erkenntnis: Das kann ich besser. Aber um das zu beweisen, muss ich mich selbstständig machen. Was ihm diesen Schritt zudem erleichterte: Er hatte es satt, sich als Angestellter wegen seines Namens und seiner Herkunft stets besonders beweisen zu müssen.

Wachstum allein ist für Roughani nicht mehr erstrebenswert

Wenn es so etwas wie ein Unternehmer-Gen gibt, dann hatte Roughani jedenfalls beste Voraussetzungen. Sein Großvater war einst Ford-Händler für den gesamten Nahen Osten, sein Vater baute und verkaufte Gefrier- und Kühlschränke. Die Leute aus der Gegend um Isfahan gelten gemeinhin als geschäftstüchtig.

Und so gründete Amir Roughani im Herbst 2002 mit der Abfindung der Kirch-Gruppe und etwas Geld seiner Eltern die Axis Engineering GmbH (aus der später die Vispiron wurde) und legte los. Zunächst im eigenen Wohnzimmer. Von dort aus bot er Unternehmen seine Dienste an und betreute IT-Projekte, vor allem bei BMW.

Mittlerweile ist sein Kundenportfolio deutlich breiter. Er diversifizierte in die Messtechnik, wo er mit sehr feinen Produkten die Schwingungen von Motoren und Turbinen prüft. Außerdem entwickelte Vispiron ein Managementsystem für Fahrtenbücher, welches das herkömmliche Fahrtenbuch überflüssig macht. Und er stieg in das Fotovoltaikgeschäft ein, wo er unter anderem Montagesysteme für Solarmodule anbietet. Um sich in den unterschiedlichen Geschäftsbereichen zu stärken, kaufte er auch Firmen zu.

Weiter will Roughani indes nicht diversifizieren. Sein Unternehmen soll überschaubar bleiben. Den alten Traum, einmal Vorstandschef einer AG mit mehr als 1000 Mitarbeitern zu sein, verfolgt er nicht weiter. Seit er auf einer Weltreise Leute traf, die fünf Kilometer laufen mussten, um an trinkbares Wasser zu kommen, ist Wachstum allein für ihn nicht mehr erstrebenswert.

"Was habe ich davon, wenn ich 1000 Mitarbeiter habe?" Keine kurzen Wege mehr, gibt er sich selbst die Antwort. "Und was habe ich von einem Börsengang?" Nichts als Reporting. Der 39-Jährige hat schon jetzt kaum Zeit für ein Privatleben. Und so redet er lieber von qualitativen Zielen, fast so emphatisch wie ein Grüner. Dabei ist Roughani Mitglied der FDP.

Aber was genau sind für einen Unternehmer wie ihn qualitative Ziele? "Zum Beispiel keine Rüstungsgeschäfte mehr zu machen", sagt Roughani. Kürzlich war er beim Tag der offenen Tür von Airbus in Ottobrunn. Über ihn donnerten Eurofighter hinweg. "Vor zehn Jahren war ich noch stolz, für dieses Unternehmen tätig sein zu dürfen," sagt er.

Heute ist der Kriegsflüchtling froh, dass er mit Rüstung nichts mehr zu tun hat.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH