Sonntag, 19. November 2017

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Entrepreneure des Jahres 2014: Nomos Glashütte Das Uhrviech

Uwe Ahrendt tickt anders als die Konkurrenz. Auch deshalb ist der sächsische Uhrenhersteller noch unabhängig.

Sieger in der Kategorie "Kosumgüter/Handel": Uwe Ahrendt, Nomos Glashütte
Dieter Mayr für manager magazin
Sieger in der Kategorie "Kosumgüter/Handel": Uwe Ahrendt, Nomos Glashütte
Uwe Ahrendt (45) hat seine beiden größeren Konkurrenten immer im Auge. Er sitzt in einem quadratischen Glaspavillon gleich neben seinem Büro und zeigt über die Straße: "Da drüben ist Lange & Söhne, daneben Glashütte Original." Sein Schreibtisch ist das Headquarter von Nomos Glashütte, er steht in dem umgebauten Bahnhof des Städtchens im Erzgebirge, mitten im Zentrum der (ost-)deutschen Uhrenindustrie.

Nomos ist der Emporkömmling aus Glashütte, die Nummer drei. Die Platzierung nach Umsatz spielt für Ahrendt jedoch keine Rolle. Viel bedeutender ist für ihn, dass er "unabhängig" ist. Die beiden lokalen Rivalen vor ihm gehören längst zu Schweizer Konzernen. Nomos hingegen gehört ihm, drei weiteren Gesellschaftern und vor allem dem Mehrheitseigner Roland Schwertner (61).

Schwertner, der Gründer von Nomos, kam kurz nach der Wende in die Gegend, weil seine Tante dort wohnte. Mit der Uhrenbranche hatte der Düsseldorfer zuvor nur mal kurzzeitig als EDV-Experte zu tun. Trotzdem beschloss er 1992, zwei Jahre nach der Gründung, mit drei Angestellten und seinem Ersparten in Glashütte Uhren herzustellen. Es war kein leichter Start: In den Anfangsjahren musste er das Telefon mit "Heidi's Imbiss" im Parterre teilen.

Sein Ziel war es, eine gute mechanische Uhr für unter 1000 Mark zu bauen. Das hat der abenteuerlustige Schwertner nicht erreicht. Er hat stattdessen viel mehr geschaffen:eine Uhrenmarke, die in ihrem Preissegment in Deutschland führend ist. Bereits zwei Jahre nachdem er Nomos als Marke angemeldet hatte, kam das erste Modell auf den Markt: die "Tangente".

Nomos-Uhren kosten zwischen 1000 und 4000 Euro. "Preiswerter Luxus", beschreibt Ahrendt die Positionierung. Die Marke erkenne man an ihrem "schlichten schönen Design", sagt er. Kein Schnörkel, keine Verrücktheiten. Bei Nomos vergleichen sie sich gern mit Vitra in der Möbelbranche.

Nomos nennt keine Verkaufszahlen

Nomos-Kunden sind häufig Architekten, Ingenieure, Künstler, "die Kreativszene eben", so Ahrendt. Aber auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier trägt eine, ebenso wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der sie von Frau Doris geschenkt bekam.

Verkaufszahlen nennt Nomos nicht. Nur so viel wird verraten: Zwischen 2011 und 2014 hat sich der Umsatz verdoppelt. Allein in den ersten sechs Monaten 2014 sei er um rund 40 Prozent gestiegen. Fachleute schätzen die Erlöse mittlerweile auf rund 50 Millionen Euro.

Ein Verdienst von Uwe Ahrendt und seinem Team. Seit sich Gründer Schwertner aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat, ist er der wichtigste Mann. Ahrendt ist ein geborener Glashütter, der in seiner Heimatstadt als Parteiloser im Stadtrat sitzt.

Rund 200 Mitarbeiter hat Nomos inzwischen, ebenfalls eine Verdoppelung. Ein Teil davon - die Designer und Marketingleute - sitzt in einem Loft in Berlin-Kreuzberg. Die Chefin der 25-köpfigen Kreativtruppe, Judith Borowski (45), ist ebenfalls Gesellschafterin des Unternehmens.

Warum die Aufteilung - hier Glashütte, dort Berlin? Ahrendt: "Hier die Tradition, dort die Kreation. Diese Mischung ist ideal für uns." Im Erzgebirge ist das Produkt-Know-how zu Hause. Die Nomos-Uhrmacher haben den Ehrgeiz, möglichst viele Teile ihrer Uhren selbst zu fertigen. Zuletzt entwickelten sie sogar ihr eigenes Schwingsystem zur Serienreife, das Herz jeder Uhr. Eine kleine Sensation, denn das Gros der Hersteller bezieht die zentrale Steuereinheit vom Quasimonopolisten Nivarox, einer Swatch-Tochter.

Sieben Jahre kostete die Entwicklung eines eigenen Schwingsystems

11,4 Millionen Euro hat die Entwicklung des eigenen Schwingsystems gekostet, sieben Jahre hat sie gedauert. Dank dieses Durchbruchs stieg die Produktionstiefe auf 95 Prozent, mehr Qualitätsbeweis geht kaum.

Im umgebauten Bahnhof werden die feinen, mit bloßem Auge meist nicht erkennbaren Teilchen von Maschinen gefräst und gedreht.

Zusammengebaut werden sie ein paar Hundert Meter entfernt in der Chronometrie, mit Lupen und Pinzetten. Dort sitzen auf mehrere Etagen verteilt Uhrmacher in weißen Kitteln vor ihren Pulten. Ihr Arbeitstag geht von 6.30 bis 15.15 Uhr, in den Räumen herrscht eine gespenstische Stille. Konzentration ist alles.

Drei Wochen dauert es, bis aus den vielen Einzelteilen eine Uhr wird. Allein eine Woche wird benötigt, bis das Schwingsystem eingelaufen ist.

Diese gewissenhafte Langsamkeit ist bei Nomos Prinzip. Anders als so mancher Wettbewerber wirft das Unternehmen nicht permanent neue Modelle auf den Markt. Bei Nomos stehen die Klassiker im Mittelpunkt, Neuheiten machen nur rund 5 Prozent des Umsatzes aus, anderswo sind es über 50 Prozent. "Man muss den Mut haben, auf schnelles Wachstum zu verzichten", sagt Ahrendt. Er expandiert lieber behutsam, aus dem Cashflow.

Das gilt auch für die Internationalisierung: "Wir müssen nicht in jedes Land." Der umsatzstärkste Markt ist mit Abstand Deutschland. Im Moment liegt der Schwerpunkt des Wachstums auf den USA, dort wird gerade eine Vertriebstochter aufgebaut. Noch kommt Nomos nur auf eine bescheidene Exportquote von 30 Prozent.

Natürlich könnte Nomos schneller expandieren. Ständig bekommt Ahrendt Anfragen von größeren Konkurrenten und Private-Equity-Firmen, die das Unternehmen kaufen wollen. Mit diesem Geld könne er dann, so deren Argumentation, endlich richtig Gas geben.

Ahrendt hört sich das immer mal wieder an, freut sich innerlich über die angebotenen Summen und sagt dann freundlich, aber bestimmt Nein. Er will sein eigener Herr bleiben und nicht an einen Konzern berichten müssen, wie die Herrschaften auf der anderen Straßenseite.

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