Sonntag, 19. November 2017

Entrepreneure des Jahres 2014: Messer Braveheart

Sieger des Ehrenpreises: Familienunternehmer Stefan Messer
Dieter Mayr für manager magazin
Sieger des Ehrenpreises: Familienunternehmer Stefan Messer

Der Industriegasehersteller ist wieder in Familienbesitz und auf Erfolgskurs - dank eines Kraftakts des Patrons Stefan Messer. Der musste viele Widerstände überwinden und auch einen eigenen, ganz persönlichen Kampf führen.

Stefan Messer (59) war Zeit seines Berufslebens bei Messer tätig, jenem Unternehmen, das seinen Namen trägt. Doch wer jetzt denkt, das müsse eine ziemlich langweilige Karriere gewesen sein, der täuscht sich gewaltig. Das Unternehmerleben des Stefan Messer taugt als Stoff für eine TV-Saga, mit allem, was dazugehört.

Der Industriegase-Hersteller Messer Griesheim, so hieß die Firma früher einmal, hat in den vergangenen 20 Jahren einen Wandel durchgemacht, der wechselvoller kaum sein könnte: Von der einst stolzen zur verstoßenen Hoechst-Konzerntochter, von der Beinahepleite bis zum Einstieg von Private-Equity-Investoren. Und stets war Stefan Messer dabei. Nicht immer an vorderster Front, weil ihm sein Vater Hans und auch der damalige Mehrheitseigner Hoechst nicht die Führung zutrauten.

Seine Stunde schlug erst, als im Jahr 2001 Goldman Sachs und Allianz Capital Partners, in personae Alexander Dibelius und Paul Achleitner, das durch einen überzogenen Expansionskurs schwer angeschlagene Unternehmen mehrheitlich übernahmen und Stefan Messer zum Geschäftsführer machten.

Es folgte ein knallharter, aber notwendiger Sanierungskurs. Mehr als 1000 der 8300 Mitarbeiter wurden abgebaut, 57 Einzelgesellschaften abgestoßen und die Schulden um 600 Millionen Euro reduziert. Bereits nach zwei Jahren wollten die Mehrheitseigner wieder aussteigen. Sie erwogen einen Börsengang, auch ein Verkauf kam infrage. Die Konkurrenten Air Liquide und Linde zeigten Interesse.

Doch Goldman und Allianz hatten nicht mit Stefan Messer gerechnet. Der hatte im Konsortialvertrag eine Call Option einfügen lassen, die seiner Familie ein Vorkaufsrecht einräumte. Weder Dibelius noch Achleitner rechneten ernsthaft damit, dass Messer die Option ziehen würde. Aber er tat es. Er wollte das Erbe seiner Vorfahren sichern, erklärt Messer den mutigen Schritt.

Es wurden schwierige Verhandlungen. Das größte Problem für Messer war: Wie finanziere ich den teuren Rückkauf? Schweren Herzens entschloss er sich, die drei wichtigsten Ländergesellschaften - USA, Großbritannien und Deutschland - abzustoßen. Mit den Erlösen konnte er schließlich den Deal stemmen und seine Firma für knapp 1,4 Milliarden Euro wieder in Familienbesitz überführen.

Wie Messer Goldman Sachs und Allianz Capital überraschte ...

Am 7. Mai 2004 begann eine neue Zeitrechnung. Seit dem Tag ist Messer wieder ein lupenreines Familienunternehmen. Dafür hat Stefan Messer gekämpft wie ein Löwe, gegen Widerstände von innen - seine Schwester Andrea wollte unbedingt verkaufen - und von außen. Die meisten Experten gaben der geschrumpften Firma keine Chance gegen Branchengrößen wie Air Liquide oder Linde.

Und fast zur gleichen Zeit musste Messer noch einen weiteren, sehr persönlichen Kampf führen: Bei ihm wurde Krebs diagnostiziert, ein Karzinom in der Zungengegend. Es folgten Operationen, Bestrahlungen, künstliche Ernährung. Fast ein Jahr war er nicht im Büro, musste ständig mit der Unsicherheit leben, niemals dorthin zurückkehren zu können. Doch Stefan Messer, die Kämpfernatur, gewann auch dieses zweite Gefecht.

Nun sitzt der genesene Messer auf der obersten Etage der neuen Hauptverwaltung direkt am Bahnhof Bad Soden und triumphiert leise, wie es eben seine zurückhaltende Art ist. Die Messer Gruppe macht inzwischen bei über einer Milliarde Euro Umsatz einen stolzen operativen Gewinn von 231 Millionen Euro. Nachdem er drei Jahre lang nicht auf dem Heimatmarkt aktiv werden durfte, das sah der Kaufvertrag vor, ist er jetzt wieder zurück und hat noch einmal große deutsche Kunden gewonnen.

Stefan Messer hat es allen Zweiflern gezeigt. Er führt das Unternehmen endlich wieder im Sinne und Geiste seiner Vorfahren, seines Vaters Hans und seines Großvaters Adolf, der 1898 die Firma gründete. Als Familienunternehmer ist er keiner Börse und keinen Analysten rechenschaftspflichtig. Er muss keine vierteljährlichen Berichte abliefern. Er macht, was er für richtig hält.

... und es allen Zweiflern zeigte

Mit genüsslichem Grusel erzählt er Storys über seinen Vorgänger Herbert Rudolf, bis heute sein Lieblingsgegner, mit dem er sich diverse juristische Scharmützel lieferte. Rudolf sei in Meetings gegangen und habe in die Runde gefragt: Wer ist hier im Vertrieb? Als die sich meldeten, sagte er: Okay, ihr seid meineLeute, die anderen arbeiten zu. Rudolfs Managementphilosophie habe gelautet, dass man nur verängstigte Mitarbeiter führen könne.

Management by pain - davon hält Stefan Messer gar nichts. Genauso wenig wie vom "Shareholder-Value-Gedanken". "Es gibt doch auch noch Kunden und Mitarbeiter." Die sind für ihn mindestens genauso wichtig wie die Aktionäre.

Er will kein abgehobener Vorgesetzter sein. "Ich bin kein Gott", säuselt er in seinem weichen Frankfurter Dialekt. Er sei ein Chef zum Anfassen. Sein Büro steht immer offen. Wenn er dort ist, geht er mittags die paar Schritte hinüber in den alten Bahnhof von Bad Soden, den er als kleine, aber feine Kantine umgebaut hat, und setzt sich an einen der langen oder runden Tische. Seine Mitarbeiter sehen ihn als einen von ihnen, sie fachsimpeln mit ihm über die technischen Details von medizinischen und anderen Gasen. Für langgediente Kollegen - und davon gibt es bei Messer viele - ist er einfach nur "der Stefan".

Stefan Messer hat nicht zu Ende studiert. Er hat sich von unten hochgearbeitet: Lehre als Industriekaufmann bei IBM in Stuttgart, zudem eine schweißtechnische Ausbildung. 1979 stieg er dann bei Messer ein. "Ich habe die Ochsentour durchs Unternehmen gemacht."

Über 35 Jahre ist er nun in der Firma. Kontinuität, nicht nur die eigene, ist ihm ganz wichtig. Darin sieht er auch einen der größten Vorteile gegenüber der Konkurrenz. "Die großen Konzerne wechseln jedes Mal ihre Strategie, wenn ein neuer Vorstand kommt."

Ein weiterer Pluspunkt seines Unternehmens sei: "Wir sind flexibler und schneller." Seine Leute könnten binnen einer Woche wichtige Entscheidungen fällen. Konzerne mit ihren vielen Vorschriften, wo sich die Mitarbeiter stets rückversichern müssten, könnten da nicht mithalten.

Im Januar 2015 wird Stefan Messer 60 Jahre alt. Er hofft, dass all das, wofür er gekämpft hat, all die Tradition und die Werte, auch in der vierten Generation weiterleben werden. Der Anfang ist jedenfalls schon mal gemacht: Seit dem 1. August ist sein Schwiegersohn im Unternehmen. Der studierte Betriebswirt gehört zwar zu der von ihm nicht besonders geliebten Zunft der Finanzer. Aber der Patron zeigt sich versöhnlich: Der Schwiegersohn sei mehr als "nur ein Zahlenmensch". Er interessiere sich auch für die Technologie. Zumindest ein halber Messer also.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH