Sonntag, 19. November 2017

Entrepreneure des Jahres 2014: Lamilux Paarlauf

Sieger in der Kategorie "Industrie": Dorothee und Heinrich Strunz, Lamilux
Dieter Mayr für manager magazin
Sieger in der Kategorie "Industrie": Dorothee und Heinrich Strunz, Lamilux

Er kümmert sich ums Geschäft, sie um die Mitarbeiter - den Eheleuten Heinrich und Dorothee Strunz ist eine erfolgreiche Gütertrennung gelungen.

Morgens um sechs Uhr geht das Ehepaar Strunz noch getrennte Wege. Dann laufen Heinrich (57) und Dorothee Strunz (56) eine halbe Stunde lang - egal bei welchem Wetter. Er dreht seine große Runde, sie ihre kleinere.

Wenn sie dann ab 7.30 Uhr im Betrieb sind, haben sie wieder eine gemeinsame Marschrichtung: ihr Familienunternehmen Lamilux weiter nach vorn treiben.

Seit 1985 ist Heinrich Strunz geschäftsführender Gesellschafter. Damals machte das Unternehmen gerade mal sechs Millionen Euro Umsatz. Dieses Jahr werden es wohl 200 Millionen Euro sein. In den vergangenen fünf Jahren gab es jedes Jahr ein sattes Umsatzplus, zumeist von mehr als 20 Prozent.

Lamilux verdient sein Geld mit zwei Geschäftssparten, die auf den ersten Blick scheinbar gar nicht zusammenpassen: faserverstärkte Kunststoffe und Tageslichtsysteme. Deshalb auch der Firmenname: Lami von Laminieren, Lux, lateinisch für Licht.

Die Kunststoffplatten, die Lamilux herstellt, sind extrem leicht und trotzdem sehr stabil. Die Kunden sind Hersteller von Lkw-Aufbauten, Trailern und Wohnmobilen wie etwa Schmitz Cargobull oder Kögel. Dank seiner Innovationskraft hat es Lamilux in dieser Nische geschafft, zum Marktführer in Europa aufzusteigen. Weltweit liegen die Franken auf Rang zwei - hinter Crane Composites aus den USA.

In seinem zweiten Geschäftszweig, den Tageslichtsystemen, entwickelt und produziert das Unternehmen Lichtkuppeln sowie Glasdachkonstruktionen für Industriegebäude, Sporthallen, Shoppingmalls und Wohnhäuser. Als Vorzeigeprojekte gelten die Glasfront des Lesesaals an der Berliner Humboldt-Universität und die Glasverkleidung der BMW Welt in München.

Leidenschaftliches Plädoyer für die Provinz

Kunststoff und Licht - wie passt das zusammen? Heinrich Strunz greift nach einem Stück gewellten, durchsichtigen Kunststoff, das an einem Schrank in seinem Büro lehnt. Es stammt aus den 50er Jahren. "Das ist die Keimzelle beider Bereiche", erklärt er. Am Anfang habe es noch Synergien gegeben, doch im Laufe der Zeit hätten sich die beiden Sparten ziemlich weit auseinanderentwickelt. Deshalb sind Entwicklung, Produktion und Vertrieb heute klar voneinander getrennt. Strunz sieht das positiv, so ist die Firma nicht mehr von einer Branche allein abhängig.

Strunz leitet das Unternehmen in dritter Generation. Schon als Kind nahm ihn sein Vater mit in die Fabrik, die nur einen Steinwurf vom Elternhaus entfernt lag. Rehau in Oberfranken, das ist seine kleine Welt. Der nächste ICE-Bahnhof ist weit entfernt, der nahe Flughafen Hof wird von den Linienfliegern nicht mehr bedient. Ein paar Kilometer weiter östlich verläuft die alte Grenze zur DDR. Zonenrandgebiet hieß die Region damals.

Doch die Abgeschiedenheit ist für das Unternehmerehepaar kein Standortnachteil. Im Gegenteil: Sie halten ein leidenschaftliches Plädoyer für die Provinz. Hier gehe es in den Familienunternehmen noch wirklich familiär zu. Es gebe einen Chef zum Anfassen, den man auch mal beim Bäcker oder im Gasthaus trifft. Und die Mitarbeiter stünden treu zum Unternehmen. Solange sie sich dort wohlfühlen. Deshalb bieten Strunz und seine Frau den rund 700 Mitarbeitern ein umfangreiches Freizeit- und Sportprogramm.

"Unsere Mitarbeiter haben Anspruch auf Lob", sagt Dorothee Strunz. Sie ist stolz darauf, eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung etabliert zu haben. Sie kam relativ spät ins Unternehmen ihres Mannes, 1995, kurz nach der Geburt ihres dritten Kindes. Zunächst wusste sie nicht so recht, was sie tun sollte. "Mach doch erst mal die Post", sagte Ehemann Heinrich damals im Spaß. Sie kümmerte sich dann doch lieber (für eine Juristin naheliegend) um die Themen Recht und Personal. Schnell kamen ihr neue Ideen, die sie dann auch - ganz Unternehmerin - umsetzte. Daneben sitzt sie im Stadtrat.

Gesellschaftspolitisches Engagement gehört für Dorothee Strunz einfach mit zum Leben. Ihr ambitioniertestes Projekt heißt "Education für Excellence". Es hat seinen Ursprung in einer Studie der TU Dortmund, die zu dem Ergebnis kam, dass junge Menschen erfolgreicher sind, wenn sie sozial aktiv sind. Seither müssen sich alle Auszubildenden bei Lamilux, und das sind fast 100, sozial engagieren, zum Beispiel im Rehauer Mehrgenerationenhaus Senioren betreuen oder Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen.

Alle Auszubildenen bei Lamilux müssen sich sozial engagieren

Seit drei Jahren existiert das Programm, aus Sicht von Dorothee Strunz zeigt es bereits Erfolge: "Unsere Mitarbeiter sind empathischer geworden." In vielen börsennotierten Unternehmen würden derlei Initiativen als Sozialklimbim abgetan, sagt Heinrich Strunz, "doch wir denken nicht in Quartalen, sondern in Generationen".

Die vierte Generation sitzt ihm schon im Nacken - bildlich gesprochen. Denn hinter seinem Schreibtisch hängen, blau eingerahmt, Jugendfotos seiner Kinder: Johanna (28), Alexander (25) und Sophia (22). Die Jüngste studiert Medizin, die beiden anderen laufen sich warm für die Nachfolge an der Unternehmensspitze. Alexander arbeitet bei McKinsey. Johanna ist nach ihrem Studium in London und ersten Erfahrungen bei Goldman Sachs bereits ins Unternehmen eingestiegen. Dort geht sie gerade durch die harte Schule des Vertriebs.

Auf die nächste Generation warten große Aufgaben. Das Ehepaar Strunz sieht noch viel Wachstumspotenzial: bei der Erweiterung des Produktspektrums und der Internationalisierung des Geschäfts. Die Exportquoten der beiden Sparten sind sehr unterschiedlich: Beim Kunststoff sind es bereits 92 Prozent, beim Licht erst 15 Prozent. Durch den Ausbau seines Vertriebsnetzes will Heinrich Strunz künftig bei Bauprojekten im Ausland mit seinen energieeffizienten Glas- und Lichtlösungen vermehrt zum Zug kommen.

Auch die Produktpalette soll in beiden Bereichen ausgeweitet werden. Die Entwickler sind permanent auf der Suche nach neuen Anwendungen für ihren Kunststoff. Seit drei Jahren wird der Lamilux-Kunststoff auch in Snowboards verwendet, die dadurch rund 200 Gramm an Gewicht einsparen.

Die Lichtsystemsparte wurde in den vergangenen Jahren um Sicherheitstechnik erweitert, vor allem um die Steuerung von Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Gerade hat Lamilux hierfür einen Auftrag für den dritten Terminal im Münchener Flughafen erhalten.

Rauchabzugsanlagen? Flughafen? Da fällt einem doch gleich das Stillstandsprojekt Berliner Flughafen ein. Ist er da auch involviert? "Nein", sagt Strunz, "wir haben uns beworben, aber die haben sich früh für ein anderes System entschieden." Vielleicht hätte man mal lieber die Techniker aus der oberfränkischen Provinz an den Hauptstadtflughafen rangelassen.

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