Sonntag, 22. Juli 2018

Die unterschätzte Seite von Diversity Holt Widerspruch ins Team!

Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern
Thomas Barwick / Getty Images
Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern

Verschiedene Geschlechter, Altersgruppen, Nationalitäten - viele Arbeitgeber legen heute Wert auf Diversität. Doch wie steht es mit unterschiedlichen Meinungen?

Welche Schüler verdienen ein Stipendium? Das sollten Probanden in einem Experiment in den USA entscheiden. In den Bewerbungen waren Hinweise auf eine politische Ausrichtung der Bewerber versteckt, eine Mitgliedschaft bei den Young Democrats oder den Young Republicans. Etwa 80 Prozent versagten Kandidaten mit glänzenden schulischen Leistungen das Stipendium, weil sie eine andere politische Überzeugung hatten. Der Wert liegt über dem einer Diskriminierung wegen der Rasse, die mit einem ähnlichen Test gemessen wurde - und deren Auswirkungen schlimm genug sind. Das eine wie das andere zeigt, wie schwer es Menschen fällt, sich auf jemanden einzulassen, der anders ist. Laut einer Studie gruselt in den USA fast jeden Dritten die Vorstellung, ein Familienmitglied könnte jemanden mit einer anderen politischen Einstellung heiraten.

Volker Kitz
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    Andreas Labes
    Volker Kitz ist Autor und Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit. Er ist gefragter Vertreter einer neuen Arbeitswelt-Pragmatik.

Auch in Deutschland gibt es viele Kontaktallergiker. Soweit sich unter ihren Bekannten in sozialen Netzwerken noch Andersdenkende befinden, "entfreunden" sie die Freunde. Sie sortieren selbst Nahestehende aus. Auch offline umgeben sich viele mit Leuten, die eine "richtige" Einstellung haben: die eigene. Sie meiden sogar Verwandte, wollen nicht mehr mit bestimmten Kollegen oder Kunden zusammenarbeiten, weil sie deren Einstellungen nicht teilen.

Andere kündigen ein langjähriges Zeitungsabonnement, weil in dieser Zeitung ein- oder gar zweimal jemand eine Meinung äußerte, die der eigenen widersprach. In Würzburg wehrte sich ein Mann vor Gericht gegen den Rundfunkbeitrag - weil manche Sendungen des Bayerischen Rundfunks seiner Überzeugung zuwiderliefen.

Die furchterregenden Anderen

Meinungskonformität vereinfacht das Leben. Parallelwelten gedeihen in jedem politischen Milieu. Die anderen scheinen furchterregend anders. Doch dieser Eindruck ist das schizophrene Gegenteil dessen, was die Genforschung herausgefunden hat: Wir gleichen uns selbst zwischen Frauen und Männern genetisch zu 99,688 Prozent. Die Natur ergießt Ähnlichkeiten über uns, die Unterschiede verteilt sie spärlich mit dem Salzstreuer.

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Meinungsfreiheit! Demokratie für Fortgeschrittene

Fischer, März 2018, 128 Seiten, 10 Euro

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Darf man am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld alles sagen, was man denkt? Und ist das schon Demokratie? Meinungsfreiheit ist das Kerosin der freien Welt. Doch sie funktioniert nur, wenn wir sie richtig nutzen. Eine Gebrauchsanweisung.

Die Gemeinsamkeiten haben eine Zauberkraft. Banale, winzige Übereinstimmungen können Feinde in Freunde verwandeln. Während ich diesen Text schrieb, saß ich einmal im Zug. Neben mir stritten zwei Fremde über Stuttgart 21, die Bahnhofgroßbaustelle. So viel Hass, Ablehnung und persönliche Verletzungen flogen durch die Reihen, dass die anderen Fahrgäste im Großraumwagen betroffen unter sich schauten. Da entdeckten die Streithähne, dass sie den gleichen Rucksack hatten. Ein besonderes Modell, mit speziellen Fächern, schwer zu finden. Auf einmal änderte sich der Ton. Sie redeten, ja schwärmten über ihren gemeinsamen Rucksack. Und nun auch über andere Themen. Am Ende holten sie ihre Handys her aus und befreundeten sich auf Facebook.

Solche magischen Momente ereignen sich jeden Tag: Wenn auffliegt, dass die Nachbarin mit dem verhassten Meinungsaufkleber auf dem Briefkasten dieselbe Netflix-Serie schaut. Wenn der Flüchtlingshasser entdeckt, dass der Flüchtling aus dem Ort ebenfalls beim Marathon mitläuft. Wenn sich im Aufzug herausstellt, dass den Kollegen aus der verhassten Partei die gleichen Erziehungsprobleme plagen.

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