Sonntag, 19. August 2018

Die unterschätzte Seite von Diversity Holt Widerspruch ins Team!

Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern
Thomas Barwick / Getty Images
Diversity im Team: Meinungskonformität vereinfacht das Leben, aber die Mischung kann die Arbeit bereichern

2. Teil: Raus aus der Filterblase

Es ist nur so schwer geworden, auf Menschen mit anderen Einstellungen zu treffen - und Ähnlichkeiten zu entdecken. Sie kriechen aus ihrem Versteck, sobald wir unser eigenes verlassen, unsere Internetblase, unseren Stammtisch, unser Haus. Sobald wir an die frische Luft gehen und Zufallsmenschen treffen. Ali Can zum Beispiel kam als Asylsuchender nach Deutschland, heute betreibt er die "Hotline für besorgte Bürger". Er berichtet, wie er auf Pegida-Demonstranten nicht mit Belehrungen zugeht, sondern mit Schokolade. Ein Stück Schokolade verbindet, es kam zu Gesprächen, die auch Ali Cans Meinung über die Demonstranten verändert haben.

Die Arbeitswelt beschäftigt sich schon lange mit Diversität. Viele Arbeitgeber legen heute Wert darauf, dass sich in ihnen Unternehmen unterschiedliche Geschlechter, Altersgruppen, Nationalitäten, sexuelle Orientierungen mischen - das soll die gesamte Gesellschaft abbilden. Und einen realistischen Blick schaffen, der die Arbeitsergebnisse verbessert. Nebenbei ermöglicht diese Zufallsgemeinschaft, Menschen kennenzulernen, die anders sind. Allerdings berücksichtigt praktisch kein Diversity-Konzept unterschiedliche Meinungen. "Wir legen Wert darauf, dass in der Belegschaft möglichst viele unterschiedliche politische Richtungen vertreten sind" - solche Aussagen hört man eher nicht.

Ein anderer Glaube? Okay. Eine andere Meinung? Bloß nicht!

Eine Infas-Umfrage im Auftrag der Zeit liefert dazu passende Ergebnisse. Sie ermittelte, ob bestimmte Personengruppen für die Befragten zum "Wir" gehören oder nicht. Die Antworten: Menschen anderer Religionen gehören für 82 Prozent der Befragten dazu. Homosexuelle für 80 Prozent. Menschen mit einem ganz anderen Lebensstil halten 73 Prozent für einen Teil der eigenen Gemeinschaft, Ausländer und Migranten 72 Prozent, Flüchtlinge 71 Prozent. Dann kommt eine Weile nichts. Das Schlusslicht bilden "Menschen, mit deren politischer Einstellung Sie nicht einverstanden sind". Sie zählen nur für 62 Prozent der Befragten zum "Wir". Mehr als jeder Dritte sieht sie nicht als Teil einer gemeinsam erlebten Realität.

Ist das nicht verrückt? Wir haben den Umgang mit unterschiedlichen Religionen, Kulturen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen gelernt - aber unterschiedliche Meinungen scheinen viele zu überfordern. Dabei wäre gerade diese Mischung wichtig, um die Gesellschaft wirklich abzubilden. Und um Menschen zusammenzubringen, die sonst nicht aufeinandertreffen.

Das gilt für das Arbeitsleben, aber nicht nur. Ein Demokrat geht nicht immer nur in die Luft, sondern auch mal an die Luft. Er sucht Zufall und Überraschung, denn sie haben Zauberkraft. Er achtet darauf, dass er und seine Familie mit Menschen Kontakt haben, die das Gegenteil denken: am Arbeitsplatz, in Sportvereinen, bei Nachbarschaftstreffen, in Kitas, bei Spielplatzfreundschaften. Er weiß, dass es viel zu reden gibt, vor allem über andere Dinge. Und unzählige Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Mit dem bisschen Unterschied kommt er dann schon zurecht.

Volker Kitz ist internationaler Bestsellerautor, Redner zu Themen aus Psychologie, Recht und Arbeit und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Dieser Text basiert auf seinem aktuellen Buch "Meinungsfreiheit! Demokratie für Fortgeschrittene". www.volkerkitz.com

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