Donnerstag, 19. Juli 2018

Buzzwords, Marketing und coole Titel So werden Sie zum digitalen Schaumschläger

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2. Teil: Mit ein bisschen Fantasie

Trick 3: Geben Sie sich einen digitalen Lebenslauf!

Sie sind bereits über 40? Dumm gelaufen. Damit waren die meisten hochtrabenden Studiengänge zum Thema Digitalisierung noch gar nicht existent, als Sie Ihre Ausbildung absolviert haben. Ein Gärtner lernte noch Gärten zu pflegen und nicht 3D-Modelle für Gartenkunden zu entwickeln. Macht aber nichts. Mit ein bisschen Fantasie können Sie aus einem ganz normalen Lebenslauf eine glaubwürdige digitale Vergangenheit zaubern.

Als Sie fünfzehn waren, gab es bei Ihnen zu Hause den ersten Internetanschluss? Sie versuchten sich über Ihr altes schepperndes Modem abwechselnd bei T-Online und AOL einzuwählen? Und Sie haben fluchend aufgegeben, weil die Übertragung jeder Webseite länger dauerte als eine komplette Ausgabe des manager magazins zu lesen? Sie haben den Schrott damals einfach in die Ecke gefeuert und laut gerufen: "Damit will ich nichts zu tun haben"? Vollkommen falsch!

Erinnern Sie sich daran, dass Sie damals eine E-Mail an einen alten Schulfreund schrieben? Und ihm eine Briefmarke aus Ihrer Sammlung für 5 Euro anboten? Und er schrieb per Mail zurück: "Gekauft"? Richtig! Sie waren ein Pionier im E-Commerce. Und Sie haben damals bereits - als die meisten anderen das Modem fluchend in die Ecke warfen - das Potential dieser neuen Technologie erkannt.

In Ihrer Ausbildung haben Sie Texte auf Diskette gespeichert? Wow! Sehr früh war Ihnen klar, dass die digitale Transformation Bildung und Ausbildung radikal verändern wird. Prüfen Sie bitte Ihre Abschlusszeugnisse von der Fachhochschule oder der Universität noch einmal ganz genau. Findet sich darin irgendwo das Wort digital? Falls nicht: Irgendetwas, was man im weitesten Sinne als digital interpretieren könnte? Können Sie vor irgendwelche Arbeiten, die Sie verfassten haben, das Wort Digitalisierung stellen oder den Halbsatz "in Zeiten der Digitalisierung" anhängen?

Übrigens: Ihr sechsmonatiger Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz, wo Sie verzweifelt versucht haben, sich selbst zu finden, war natürlich in Wirklichkeit eine digitale Bildungsreise zum Hotspot der Digitalisierung. Sie haben aus Kostengründen nachts im Kibbuz geschlafen und waren tagsüber Teil des early Tel Aviv Digital Spirit.

Fazit: Digitalisierung ist uncooler als viele denken

Mein persönliches Fazit aus fünf Jahren Softwareentwicklung und -vermarktung: Digitalisierung ist in erster Linie Knochenarbeit. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viele Stunden ich mit Jira, einem Projektmanagementsystem für Programmierer, verbringe und Funktionen genauestens beschreibe. Für die meisten Menschen, die Einblick in unsere Arbeit bekommen, ist es unvorstellbar, dass man zwei Stunden in Meetings nur damit verbringt, über die Position eines Buttons nachzudenken.

Ich habe hunderte von Diskussionen geführt, bei denen die Hälfte des Teams (inklusive Entwickler) am Anfang nicht genau wusste, was wir eigentlich diskutieren. Weil es schlicht und ergreifend niemand wusste. Oder können Sie fehlerfrei mitreden, wenn es um die Frage geht, welche Konsequenzen die Umstellung von Bootstrap auf Materialize CSS für die Funktionen einer Software hat?

Digitalisierung ist am Ende vor allem eines: Handwerk. Ich weiß nicht, wer jemals auf die Idee kam, dass die Teilnahme eines Vorstands an einem Start-up-Pitching auch nur ansatzweise etwas mit Digitalisierung zu tun hat. Das ist wie ins Kino gehen. Sie sind digitaler Konsument. Dann könnten Sie sich auch gleich den Facebook-Film anschauen - und anschließend als Chief Digital Consumer (CDC) Unternehmen beraten.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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