Samstag, 23. Februar 2019

Wie gute Raumgestaltung Teams besser macht Warum Kaffee-Monopole besser sind als Teeküchen-Pluralismus

Büroräume: Wie gute Kaffeeküchen die Zusammenarbeit verbessern
Lucia Bartl

3. Teil: Austausch fördern bedeutet: Verweilen lassen

Zentrale Lage, Kaffeemonopol und Durchgangsverkehr sind hilfreich, aber das reine Sich-über-den-Weg-Laufen lässt noch keinen Austausch entstehen. Damit Worte gewechselt werden, muss Zeit für Austausch geschaffen werden. Also weg von der Getränkeautomaten-Idee "Kaffee holen und Platz machen" und hin zu einem Angebot, das zum Verweilen einlädt. Auch hier lässt sich wieder viel aus dem Privaten lernen, und die Adaption einer Kaffeehaus-Atmosphäre für solche Orte liegt nahe. Wie schaffen wir eine Kaffeehaus-Atmosphäre in unserer Arbeitsumgebung? Die Antwort könnte simpler nicht sein: Es muss einfach nach Café aussehen. Wie ein tolles Café auszusehen hat, hängt natürlich sehr von der Zielgruppe ab.

Wiener Kaffeehaus-Charme für den Bürotalk

Unabhängig vom Geschmack gilt aber: Eine gewisse Gemütlichkeit schadet nie. Jonas Sudendorf, Events Marketing Manager von Native Instruments, unterstreicht den Netzwerkgedanken beim "Native Space": "Jeder unserer Mitarbeiter hat Zugang zum Native Space." Kaffee, Obst, Joghurt und Getränke stehen für alle bereit. Besprechungen mit Kollegen, Treffen mit externen Gästen oder das Feierabendbier mit Kollegen werden hoch frequentiert genutzt. Hier treffen alle Mitarbeiter aufeinander, unabhängig von Geschäftsbereichen oder Hierarchien. Der Schlüssel zu dieser gemütlichen Atmosphäre ist hier die Auswahl der Tische und Sitzmöbel und die punktuelle Beleuchtung der Umgebung. Auch die warme, holzlastige Materialauswahl sowie die aufwendige und kleinteilige Gestaltung tragen zu der gemütlichen Atmosphäre bei. Hier will man bleiben.

Und das ist der Trick. Wir laufen uns über den Weg, und dann ist da zufällig eine gemütliche Umgebung in der direkten Nähe, in die wir uns begeben und wo wir reden können. Viele von uns ziehen für Gespräche, insbesondere auch geschäftlicher Art, eine leicht ausgeprägte Privatsphäre vor. Nicht abgetrennt oder schalldicht, aber mit einer kleinen gefühlten Separierung, wie sie zum Beispiel eine Couchecke bietet. Als Vorbild dienen die stärker strukturierten traditionellen Wiener Kaffeehäuser, die separiert sind in Tischgruppen für zwei bis drei und vier bis sechs Personen und die den Stehtresen für die Eiligen anbieten. Trotzdem sorgen sie auf einer großen Fläche dafür, dass immer jeder jeden sehen kann.

Das schafft selbst bei weniger Andrang eine geschäftige und lebendige Atmosphäre, in der man, wie in einer privaten Umgebung auch, gerne Zeit verbringt. Der große Kaffeebereich dient so nicht nur zum Austausch beim Frühstück oder bei der Kaffeepause, eine kleine Bühne mit Monitoren schafft die Möglichkeit, Projekte oder Produkte im "Native Space" zu präsentieren. Die Glasscheibe hinter der Couchecke gibt Einblick in einen voll ausgestatteten Proberaum, der alle Mitarbeiter zum spontanen Musizieren einlädt. Auch das schafft in ungezwungener Atmosphäre neue Begegnungen.

Soziale Akzeptanz und Arbeiten: Der Name macht's

Ein 400 Quadratmeter großes Café mitten im Office? Natürlich würden das alle Mitarbeiter toll finden. Nur kommen würde keiner. Denn niemand will während seiner Arbeitszeit beim Kaffeekränzchen erwischt werden und sich seinen Ruf als fleißiger Arbeiter ruinieren. Das hören wir als Feedback aus Projekten, bei denen sich über diesen Aspekt keine Gedanken gemacht wurden. Dem Begriff Café werden wir deswegen so auch nie begegnen, zumindest nicht im Konzernkontext. Bei der Factory, Dark Horse oder jüngeren Unternehmen schon eher, aber hier ist vielen Kollegen klar, dass man nicht am Schreibtisch sitzen muss, um produktiv zu arbeiten.

Deswegen werden uns im Konzern Begriffe wie "Work Café", "Work Lounge" oder "Work Kitchen" begegnen. Als Faulenzer abgestempelt zu werden, das kann uns in einem Work Café nicht mehr passieren. Hier ist man höchstwahrscheinlich am Arbeiten. Und die Deklaration als Arbeitsfläche hilft auch beim Verkaufen des Konzepts an verschiedene Gremien wie das Real-Estate-Management, das Controlling und so weiter. Eine 400 Quadratmeter große Teeküche ist immer schwer zu vermitteln, die 400 Quadratmeter große Multipurpose-Worklounge dagegen deutlich einfacher.

Der Marktplatz im Büro: So kommt er an

Das heißt aber auch, dass man in Worklounges arbeiten können muss. Für die Lufthansa Technik bedeutet das: Alle Tische sind höhenverstellbar und somit sowohl als gemütliche Couchtische als auch zum Arbeiten mit Laptops geeignet. Es gibt ruhigere Bereiche mit Stehtresen und hellerer Beleuchtung und vom Betrieb abgewandte Hochlehner-Sofas, wo man ungestört Mails schreiben kann. Überall finden sich Steckdosen, und der WLAN-Empfang ist gut.

Und es funktioniert: Die Fläche wird für die Arbeit genutzt. Drinnen im Raum sitzen Mitarbeiter mit ihren Laptops. Es scheint dabei keine Präferenz für den helleren, ergonomischeren Arbeitsbereich zu geben. Alle, auch offensichtliche Besucher und deren Trolleykoffer, verteilen sich gleichmäßig. Sowohl Steharbeitstische als auch Couches sind benutzt, und auch aus den Ruhenischen schauen überkreuzte Beine und Laptops heraus.

Diese Integration vielfältiger Arbeitsmöglichkeiten schafft also Akzeptanz für ein Kaffeehaus inmitten einer Bürofläche. Sie verstärkt die Benutzung und erhöht die Lebendigkeit der Fläche. Und je mehr Lebendigkeit, desto mehr Austausch. Je mehr wir aber über Austausch, Atmosphäre und Kaffee reden, desto mehr stellt sich die Frage, ob der Marktplatz vielleicht die Produktivität ruiniert. "Nein", resümiert Kerstin Schneider von der Lufthansa Technik in unserem "New Workspace Playbook", "im Gegenteil. Oft lassen sich Themen viel schneller klären - einfach weil man sich sieht und das dann einen späteren Termin erübrigt. Wir bewegen uns alle mehr, reden mehr miteinander, alles fühlt sich flüssiger an." - "Ja, man hat mehr das Gefühl, alle sitzen in einem Boot und bringen es gemeinsam voran. Man ist Teil eines größeren Ganzen", ergänzt ihre Kollegin Bettina Steineke. Und das ist aus Sicht der Mitarbeiter vielleicht der interessanteste Benefit eines Begegnungsortes.

Der Beitrag ist ein teilweise überarbeiteter Auszug aus dem Buch "New Workspace Playbook: Das unverzichtbare Praxisbuch für neues Arbeiten in neuen Räumen" von Dark Horse Innovation, erschienen im Mai 2018 im Murmann Verlag

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