Montag, 30. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

SAP sucht hunderte Autisten "Autisten machen unsere Meetings fantastisch"

Anka Wittenberg; Senior Vice President SAP
SAP; Jan Kocovsk
Anka Wittenberg; Senior Vice President SAP

Autisten fällt Kommunikation schwer. Sie sind oft überdurchschnittlich intelligent, können sich gut konzentrieren, sie sind zielstrebig und denken logisch. Kein Wunder, dass die IT-Branche mit autistischen Fachkräften liebäugelt - nicht nur zwei ihrer bekanntesten Gesichter, Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg und Microsoft-Gründer Bill Gates, werden autistische Züge zugeschrieben. Inzwischen haben sich ganze Unternehmen auf die Rekrutierung von Autisten spezialisiert, das IT-Unternehmen SAP hat sich eine feste Autisten-Quote gesetzt.

Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt Anka Wittenberg, Diversity und Inklusions-Chefin von SAP, wie ironiefreie Meetings ablaufen, warum Schwerbehindertenausweise kaum einer will und wer darauf achtet, dass Autisten nicht nur von Fertigpizza leben.

Zur Person
  • Copyright: SAP / Jan Kocovski
    SAP / Jan Kocovski
    Anka Wittenberg ist Senior Vice President und Chief Diversity & Inclusion Officer beim Walldorfer IT-Unternehmen SAP.
mm: Vor zwei Jahren haben Sie sich das Ziel gesetzt, bis 2020 ein Prozent Ihrer 75.000 Stellen mit Autisten zu besetzen. Wie weit sind Sie?

Wittenberg: Wir haben inzwischen weltweit durch unser Programm "Autism at Work" über 70 neue Mitarbeiter eingestellt bei denen eine Form von Autismus festgestellt worden ist. Dieses Programm haben wir in Indien, in Irland, in den USA, in Kanada und auch in Deutschland ausgerollt. Dieses Jahr kommen noch Brasilien und die Tschechische Republik hinzu. Das ist ein Projekt, für das Sie Geduld brauchen, denn es geht um einen Veränderungsprozess auf vielen Ebenen. Wir leisten gerade die Pionierarbeit.

mm: Warum gerade Autisten?

Wittenberg: Autismus und IT haben große Ähnlichkeiten - Menschen mit Autismus übersetzten Kommunikation in ihre Sprache, sie denken in geometrischen Mustern, in Gleichungen, Farben. Ganz ähnlich ist es in der IT: Wenn wir codieren, übersetzen wir in Programmiersprache. Hinzu kommt, dass die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Autismus sehr hoch ist - auch bei Leuten mit hohem IQ und exzellenter Ausbildung. Und wir sind ein IT-Unternehmen, dem Fachkräfte fehlen. Hier können wir also alle gewinnen.

mm: Autisten finden keinen Job, weil generell nach Teamplayern gesucht wird und nach Leuten mit guten Kommunikationsfähigkeiten. Autisten sind so nicht. Folglich fallen sie durchs Raster jedes Assessment-Centers. Wie bewertet SAP autistische Kandidaten?

Wittenberg: Wir machen ein Assessment-Center nur für Menschen mit Autismus, mit Gruppen von fünf bis acht Bewerbern. Diese bekommen zum Beispiel die Bausätze für einen Lego-Roboter und sollen den zusammen bauen. Wir beobachten sie dabei.

mm: Und was passiert?

Wittenberg: Es gibt meistens drei Gruppen: Die einen holen sich die Anleitung und erfüllen sie Schritt für Schritt, die anderen schauen sich den Prototypen genau an, merken sich alles und bauen ihn genauso nach. Die dritten schauen sich die vielen Steine an und überlegen, was sie damit alles machen könnten.

Ein Bewerber mit Autismus baut beim Softwarehersteller SAP in Walldorf an einem Lego-Roboter.

mm: Bleiben die Autisten dann auch nach der Einstellung in einer Gruppe?

Wittenberg: Nein, sie arbeiten in gemischten Teams. Gemischte Teams arbeiten wesentlich erfolgreicher, und Diversity bedeutet für uns nicht nur Geschlechter- oder Nationalitätenvielfallt, sondern ein Umfeld zu haben wo wir die Einzigartigkeit des Individuums zulassen können.

mm: Wie funktionieren Meetings, in denen mindestens einer keine Ironie oder zweite Ebene versteht, mit Sprachbildern nichts anfangen kann?

Wittenberg: Fantastisch. Die Kommunikationskultur des Teams ändert sich positiv, sie wird viel klarer und das hilft auch den anderen. In unserer Zentrale in Walldorf haben wir zum Beispiel 79 unterschiedliche Nationalitäten - und jede hat einen etwas anderen Humor, kommuniziert anders. Ein Chinese interpretiert eine Aussage ganz anders als vielleicht ein Argentinier. Eine klare und eindeutige Kommunikation hilft also allen.

mm: Wie integrieren Sie Autisten in die Teams?

Wittenberg: Die Kollegen bekommen eine Schulung, damit sie verstehen, was Autismus ist. Für Menschen mit Autismus ist Stabilität sehr wichtig, was für uns als agiles IT-Unternehmen natürlich eine Herausforderung bedeutet. Deshalb haben wir beispielsweise ein Support Modell aufgebaut. Dies besteht aus Buddies und Mentoren, jeder unserer Mitarbeiter mit Autismus hat feste Ansprechpartner, die ihn dauerhaft begleiten.

mm: Haben Autisten normale Arbeitsverträge?

Wittenberg: Ja, ganz normale, unbefristet. Einige arbeiten Teilzeit.

mm: Gelten Autisten als schwerbehindert?

Wittenberg: Man kann als Mensch mit Autismus einen Schwerbehindertenausweis bekommen, viele wollen das aber nicht. Sie verzichten lieber auf Steuervorteile und anderes.

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH