Mittwoch, 19. September 2018

Karriere Besser ein Praxis- als ein Auslandssemester

Praktische Erfahrung ist Personalern bei Berufseinsteigern am wichtigsten, auf Auslandssemester wird nur bei bestimmten Stellen Wert gelegt.

Auslandsaufenthalte im Studium sind für Personaler ein weniger wichtiges Signal als Praxiserfahrungen. Doch wer sich beruflich weiter entwickeln möchte, kommt am Ausland nicht vorbei.

Wer kein Auslandssemester einlegt, findet später keinen Job. Diesen Eindruck erweckt die massive Werbung, die auf Jobmessen, in Schulen und Universitäten Nachwuchsakademiker anspricht. Tatsächlich boomen akademische Auslandsaufenthalte: Zwischen 2000 und 2016 hat sich die Zahl der deutschen Studenten im Ausland mehr als verdoppelt: Waren es 2000 noch 57.000 Studierende, sind es nun laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts 137.000. Die Zahl deutscher Studierender an deutschen Hochschulen ist von rund 1,6 Millionen auf 2,4 Millionen um ein Drittel gestiegen.

Dabei sind Auslandsaufenthalte während des Studiums für Personaler nur das viertwichtigste Signal auf dem Lebenslauf , wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des Deutschen Akademischer Austauschdiensts (DAAD) 2016 ergab. "Praxiserfahrung ist ein viel wichtigerer Baustein auf dem Lebenslauf als Auslandsaufenthalte", sagt Christiane Konegen-Grenier vom IW, Verfasserin der Studie. Den Human-Resources-Profis seien außerdem Noten und Studiendauer wichtig. Die Ergebnisse der Studie kamen unter anderem durch eine Online-Befragung von mehr als 1000 zufällig ausgewählten Unternehmen zustande.

Ein Auslandsaufenthalt bringt Bewerbern also nicht mehr automatisch einen Vorteil, kann aber im konkreten Fall den entscheidenden Unterschied machen. Auslandsaufenthalte steigerten die interkulturelle Kompetenz und seien für die Hälfte der befragten Unternehmen in der Personalauswahl das Zünglein an der Waage, wenn die Bewerber ansonsten gleich qualifiziert seien, sagt Konegen-Grenier. Ein wesentlicher Grund: Mehr als jedes vierte Unternehmen arbeite mit internationalen Teams.

Für den Pharmariesen Bayer sind Auslandsaufenthalte hinter Praxiserfahrung das zweitwichtigste Signal, sagt Bernd Schmitz, Leiter des Bayer-Personalmarketings. "Für uns weist ein Auslandsaufenthalt auf die Selbstständigkeit des Bewerbers hin." Für BWL-Studenten lohne ein Auslandsaufenthalt, weil das Fach viele studierten. In den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaft, Informatik, Technik) gebe es weniger Studenten, deshalb werde weniger stark auf Auslandserfahrungen im Lebenslauf geachtet.

Wann Auslandserfahrung wichtig wird

Spätestens wenn es um die Spitzenpositionen geht, ist bei Siemens das Ausland Pflicht. In das strategische Talentprogramm komme nur, wer einen Aufenthalt nachweisen könne, sagt Andrea Maward, Head of Talent Acquisition bei dem Münchener Technologiekonzern.

Ähnlich sieht es bei BMW aus. "Beim Einstieg in den Job ist Auslandserfahrung kein Killer-Kriterium", sagt ein Sprecher für Human Resources bei BMW. Allerdings verkauft BMW weltweit und hat Mitarbeiter aus 120 Nationen. Die internationale Ausrichtung sorge dafür, dass Auslandserfahrungen an Relevanz weiter zunehmen würden. Außerdem sei es wichtiger geworden, dass Mitarbeiter nicht nur in einem Fachgebiet bewandert seien, sondern sich im Idealfall auch in Randthemen gut auskennen.

Wichtiger als Ausland, Praxiserfahrung oder Noten ist für SAP-Personalchef Cawa Younosi jedoch ein ganz anderes Kriterium. "Ich achte im Gespräch darauf, ob der Bewerber Passion für seinen Job und SAP mitbringt." Alles andere, was im Lebenslauf fehlt, könne der Bewerber nachholen. Younosi, der als 14-Jähriger von Afghanistan nach Deutschland zog, habe sich ein Auslandssemester nicht leisten können. "Ich habe das im Job nachgeholt", sagt der Personalchef.

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