Von Niels Reise
Jeder Schwede hat eine Personennummer. Sie setzt sich aus den Geburtsdaten und vier darauf folgenden Ziffern zusammen. Zur Geburt schmiedet Skatteverket, das schwedische Finanzamt, eine unverbrüchliche Einheit aus Mensch und Nummer, bei der gilt: Was auch immer ein Schwede tut - wohnen, kaufen, Auto fahren, Videos leihen, heiraten, sterben - seine Nummer wird stets registriert. Und die dabei entstehende Datenflut mündet im Zentralrechner von Skatteverket.
"Jeder Deutsche denkt natürlich an den großen Bruder", sagt Schmitz: "Aber die Schweden halten ihren Staat eher für so was wie eine kleine Schwester; ungefährlich und hilfsbereit."
Das Finanzamt weiß alles und sagt es auch weiter
Das, was die schwedische Datenjäger und -sammler von ihren Artgenossen in deutschen Ämtern unterscheidet, ist die ihnen vorgeschriebene totale Transparenz. Skatteverket weiß nicht nur alles. Das omnipotente Finanzamt sagt auch fast alles weiter. Jeder, der will, kann jede beliebige Information über jedermann bei Skatteverket abfragen. Anruf genügt.
Die Steuerauskunft zum Beispiel, ein kostenlos nutzbarer Service des Amtes, der präzise Auskünfte über sämtliche steuerpflichtigen Einkünfte aller schwedischen Bürger gibt. Millionenfach wird der beliebte Dienst jährlich nicht nur als Kreditauskunft von Unternehmen, sondern auch von Privatpersonen ohne ersichtlichen Grund genutzt. Die Schweden gelten zwar als diskret. Doch nichts scheint sie mehr zu interessieren als der Blick durchs nachbarliche Schlüsselloch.
Nirgendwo weiß man das besser als bei "Aftonbladet" in Stockholm, Schwedens auflagenstärkster und lautester Zeitung. Das gläserne Redaktionsgebäude ähnelt einem durchsichtigen Flugzeugträger, der im Zentrum der Hauptstadt gestrandet ist. Aftonbladet produziert Jahr für Jahr mindestens zwanzig Coverstorys zum Thema Einkommen. Und diese Einkommenshefte gehören mit Abstand zu den auflagenstärksten.
"Wir lieben den totalen Einblick"
"Neue Listen: Ehepaare, die am meisten verdienen - in deiner Nachbarschaft! Namen! Alter! Einkommen!" - titelte das Blatt nach den Weihnachtsfeiertagen, als die Schweden das Geschenkpapier unter den Bäumen weggeräumt hatten. Über die Seiten 30,32,34 und 36 zogen sich dreispaltige Listen besserverdienender Ehepaare aus dem Großraum Stockholm. Auch verzeichnet: der schwedische Hollywood-Star Stellan Skarsgåd mit Gattin Megan Everett sowie einem Einkommen von über sieben Millionen Kronen - ungefähr 800.000 Euro.
"Ich finde, dass es einen investigativen und aufklärerischen Aspekt gibt", rechtfertigt Camilla Norström, Redaktionschefin des "Aftonbladet", die marktschreierische Schnüffelei. Norström weist darauf hin, dass die Schweden zur Weltspitze bei Facebook und Twitter gehören. "Wir lieben den totalen Einblick. Wir gehen sogar auf Hausbesichtigungen in der eigenen Straße, wenn wir das Objekt gar nicht kaufen wollen. Wir möchten einfach mal ungestört in die Garderobe der Nachbarn gucken."
Natürlich kann es auch politische Gründe für diese Art der Berichterstattung geben: "Wenn wir schreiben, wie viel unsere Politiker nebenher verdienen, und das in ein Verhältnis zu ihren Ansichten und ihrem politischen Programm stellen, dann macht das für die Bürger einen Unterschied", meint die Redaktionschefin. "Genauso kann ich mir vorstellen, dass die vielen Vergleiche zwischen Einkünften von Männern und Frauen auch der Gleichberechtigung dienen." Transparente Einkommensverhältnisse, so die Logik, schärfen das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten.
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