Samstag, 18. August 2018

Kleine Riesen Skelette als Verkaufsschlager

Unbekannter Weltmarktführer: Wie eine Hamburger Firma Skelette verkauft
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DPA
Künstliche Skelette, Gehirne oder Augäpfel - tausende Exemplare dieser Modelle liefert die Hamburger Firma 3B Scientific an Schulen und Universitäten weltweit

"Stan" heißt das Standard-, "Sam" das Luxusmodell. Die künstlichen Skelette aus der Knochenfabrik werden vieltausendfach weltweit an Schulen und Unis verkauft, nebst Gehirnen, Augäpfeln oder Nabelschnüren. Die Hamburger Firma 3B Scientific ist recht unbekannt - aber Weltmarktführer.

Dicht an dicht stehen Dutzende Skelette hintereinander aufgereiht in einem von außen unauffälligen Gebäude in Hamburg-Lohbrügge. Aus Kartons ragen die Knochen unzähliger Hände, Arme und Beine. Das ist nicht das Werk eines Serienkillers, auch nicht der Eingang zu einem Gruselkabinett. Die Knochen sind alle künstlich, gefertigt im Unternehmen 3B Scientific - nach eigenen Angaben Weltmarktführer für anatomische Lehrmittel, ein kleiner Riese auf einem Spezialmarkt.

Vom Firmensitz in der Hansestadt aus gehen die Skelette, Torsos und Organmodelle an Schulen, Universitäten und Arztpraxen in mehr als 100 Ländern der Welt. Verkaufsschlager ist "Stan", das Standardmodell seit mehr als 50 Jahren. Der 1,70 Meter große Knochenmann wird allerdings aus Kostengründen in China und Budapest hergestellt, 25.000 Stück werden jedes Jahr verkauft.

Die Luxus-Variante "Sam" dagegen entsteht 5000 Mal pro Jahr in der Hamburger "Knochenfabrik". Sam hat Gelenkbänder, handbemalte Muskelansätze, eine flexible Wirbelsäule - plus eingebauten Bandscheibenvorfall zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel. "Er kann sogar lachen", sagt Geschäftsführer Otto Gies und bewegt den Kiefer des Knochengerüsts.

Skelett-Arbeitspensum: Ein Dutzend pro Tag

Für das Zusammenschrauben der Knochen zuständig ist Evelin Porsch. Noch hat "Sam" keinen Schädel, nur der Rumpf ist vorhanden. Flink schiebt die Arbeiterin eine Ringschraube zwischen Becken und Bein, setzt eine Mutter oben drauf. "Ich schaffe zwölf Skelette pro Tag", erzählt Porsch und greift zum nächsten künstlichen Oberschenkel.

Skelette sind zwar das meist verkaufte Produkt der Firma 3B Scientific, doch die Palette ist viel breiter: Augen mit Lid und Tränendrüse lassen sich auseinanderbauen, Gehirne in mehrere Teile zerlegen, bösartige Tumore an Brustmodellen ertasten, und an einem Geburtssimulator kann man eine Entbindung bei Steißlage üben. Auch künstliches Fruchtwasser oder Nabelschnüre sind lieferbar.

Philip Uebelacker, 25, ist für die Muskelfiguren zuständig. In einem riesigen Ofen erhitzt er einen Arm bei 80 Grad, damit sich das Material leichter bearbeiten lässt. Seit eineinhalb Jahren erst arbeitet Uebelacker bei 3B Scientific. Hunderte so naturgetreue Arme und Hände zu bearbeiten, ist für ihn nichts Seltsames: "Das ist Alltag", sagt er, nimmt mehrere rote Muskeln und befestigt sie an dem warmen Arm.

Mit dem Akkuschrauber in der Babyfabrik

Wenige Meter weiter ist die "Babyfabrik" für die europäische Krankenpflege-Ausbildung. Sieben kleine Oberkörper liegen auf einem Tisch nebeneinander. Mitarbeiterin Beate Stiller greift zu einem kleinen Akkuschrauber und befestigt einen Bauch an einem der Oberkörper. Eine Stunde braucht sie, bis eine Puppe fertig montiert ist und in einer blauen Tasche auf die Reise zum Kunden geht.

Seit 1948 gibt es das Hamburger Unternehmen. Damals verarbeitete Firmengründer Paul Binhold den Kunststoff von Pferde-Gasmasken der Wehrmacht zu Skeletten. Heute arbeiten insgesamt rund 600 Festangestellte für 3B Scientific, davon 200 in Deutschland. Neben Hamburg gibt es unter anderem Niederlassungen in Dresden und Klingenthal (beide Sachsen).

Der weltweite Umsatz lag 2010 bei 62,6 Millionen Euro, in diesem Jahr werden 70 Millionen Euro erwartet. Nur acht Prozent des Umsatzes macht die "Knochenfabrik" im deutschsprachigen Raum. Der Gruppengewinn vor Steuern lag im vergangenen Jahr bei 5,8 Millionen Euro.

Dieses Ergebnis werden die Hamburger aber in diesem Jahr nicht halten können, erwartet werden wegen hoher Investitionen in eine neue Software drei Millionen Euro. "Vor allem in Brasilien, Indien und Südostasien wachsen wir überproportional", sagt Geschäftsführer Gies. Weitere Niederlassungen, etwa in Afrika und Indonesien, sind geplant

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