Samstag, 23. Februar 2019

Anonyme Bewerbung Die Angst vor gesichtslosen Phantomen

Erste Reaktionen: Ein anonymes Bewerbungsverfahren sei zu zeitaufwändig, zu teuer, zu kompliziert und führe zu überflüssigen Vorstellungsgesprächen

Fünf Großunternehmen beteiligen sich an einem Pilotprojekt zur Einführung der anonymen Bewerbung. Doch die Vorbehalte in der Wirtschaft sind groß: Kann es gut gehen, wenn man gesichtslose Bewerber zum Vorstellungsgespräch lädt?

Berlin - Es geht nur um ein Pilotprojekt - aber eines, das viel Staub aufwirbelt: Ein Bewerbungsverfahren ohne Fotos und Angaben zu Name, Alter, Geschlecht, Nationalität und Religion soll den Blick der Personaler ausschließlich auf die Qualifikationen lenken. Es soll die nachweislich schlechteren Chancen von älteren Bewerbern, Müttern und Ausländern verbessern.

Nur ein Versuch. Der aber stößt auf massive Vorbehalte.

"Der Vorschlag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, anonymisierte Bewerbungen einzuführen, ist unnötig und kontraproduktiv", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gegenüber dem manager magazin, "Schon aus demografischen Gründen wollen und können es sich Unternehmen nicht leisten, geeignete Bewerber nach unsachlichen Kriterien auszusortieren." Schon jetzt sei das "entscheidende Kriterium" bei der Auswahl der Bewerber deren Qualifikation.

Wie die BDA reagierten viele Unternehmen und Verbände auf die Ankündigung des Pilotprojekts. Ein anonymes Bewerbungsverfahren sei zu zeitaufwändig, zu teuer, zu kompliziert und führe zu überflüssigen Vorstellungsgesprächen. Dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Benachteiligungen verhindern soll, sei man ohnehin verpflichtet. Und die Abteilung Diversity Management könne ihrer Aufgabe, gezielt für eine Vielfalt unter den Angestellten zu sorgen, bei anonymen Bewerbungen ja gar nicht nachkommen.

Fünf Unternehmen wagen den Versuch

Dennoch trauen sich einige Unternehmen, an dem Versuch teilzunehmen: Deutsche Post Börsen-Chart zeigen, Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigen, L'Oréal, die Mydays GmbH sowie Procter & Gamble Börsen-Chart zeigen probieren es ab diesem Herbst aus und werden nach Ablauf eines Jahres Erfahrungswerte liefern.

"Wir wollen ein breites Spektrum an Bewerbern für uns gewinnen. Angesichts des demografischen Wandels können wir es uns als personalintensives Unternehmen nicht leisten, irgendeine Personengruppe oder potenzielle Fach- und Arbeitskräfte nicht zu beachten", erklärt Walter Scheurle, Personalvorstand der Deutschen Post, das Experiment.

Bei L'Oréal Deutschland geht es darum, die bewährte Vielfalt unter den Mitarbeitern durch die anonyme Bewerbung weiter zu fördern, so die Diversity-Beauftragte Yvonne von de Finn: "Alleine in Deutschland arbeiten bei uns Menschen aus 36 Nationen. Gemischte Teams sind am kreativsten beispielsweise wenn es darum geht, neue Produkte für unsere weltweit unterschiedlichen Konsumenten zu entwickeln."

Natürlich hatten auch die teilnehmenden Unternehmen Bedenken. Aber mancher Nachteil wird zunächst hingenommen, weil man sich große Vorteile erhofft: "Sicherlich mag das anonyme Verfahren ein Mehr an administrativem Aufwand verursachen - das wird sich noch zeigen", so Walter Scheurle. "Aber sollten wir damit tatsächlich ein größeres Bewerberpotenzial erschließen, um als Unternehmen wirtschaftlich und innovationsfähig zu bleiben, können wir die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, abschließend beantworten."

Befürworter der anonymen Bewerbung führen ins Feld, dass gerade die Punkte, auf die nun verzichtet werden soll, oft manipuliert werden. Ältere Bewerber legen Fotos aus jüngeren Jahren bei, um ihre Chancen zu erhöhen. Karriereberater wie Svenja Hofert aus Hamburg empfehlen ihren Klientinnen, ihre Kinder weder im Bewerbungsschreiben noch beim Vorstellungsgespräch zu erwähnen - wenn sie die Betreuung organisiert haben und sicher sind, den zeitlichen Anforderungen der Stelle zu genügen.

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