Donnerstag, 21. Februar 2019

Tabuthema Gehalt Über Geld spricht man nicht

Die Kollegen kennen jedes Detail der Scheidungsklage und sind genauestens informiert über die Alkoholexzesse der Tochter. Aber was der Zimmernachbar verdient, das wissen sie nicht. Denn je höher die Hierarchiestufe, desto wortkarger werden Führungskräfte, wenn es um ihr Salär geht.

Tabuthema Gehalt: "Wer über dem Schnitt verdient, fürchtet den Neid der anderen; wer darunter liegt, schämt sich"
Hamburg - "Und was verdienst Du?" Eine Antwort auf diese Frage gibt es in Deutschland selten. Auch die Teilnehmer des mm-Gehaltsreports schweigen sich mit großer Mehrheit gegenüber Kollegen über ihr Gehalt aus.

Nicht einmal jeder Fünfte weiß, was seine Kollegen verdienen. Je höher die Hierarchiestufe desto wortkarger werden sie. Kein Wunder: In den oberen Führungsetagen ist das Gehalt selten an einen Tarifvertrag gebunden, sondern zum großen Teil von der eigenen Leistung abhängig.

Austausch, Fairness, Transparenz, Gehälterspreizung
In unserem Unter-
nehmen ist die Gehälter-
struktur transpa-
rent
Die Kriterien der Ver-
gütung sind nachvoll-
ziehbar und fair
Ich tausche mich mit Kollegen über unsere Gehälter aus Zu-
frieden-
heit mit dem Gehalt
Gehälterspreizung innerhalb der Abteilung
Groß Mittel Gering Weiß nicht
Alle Ange-
stellten
18% 16% 18% 49% 20% 42% 20% 19%
Leitende Ange-
stellte
16% 18% 12% 55% 20% 47% 23% 2%
Oberes Manage-
ment
17% 22% 8% 60% 19% 46% 27% 8%
Quelle: mm-Gehaltsreport 2009. Online-Umfrage im Juli/August, 91.000 Teilnehmer

Mehr zum Thema in: manager magazin 10/2009

Gehaltsreport
Der mm-Gehaltsreport zeigt, wer von der Krise besonders betroffen ist, welche Branchen am besten zahlen – und was Manager wirklich verdienen. Lesen Sie mehr im aktuellen manager magazin, Heft 10/2009, ab Seite 109.

"Wer über dem Schnitt verdient, fürchtet den Neid der anderen; wer darunter liegt, schämt sich", erklärt Gehaltscoach Martin Wehrle die Zurückhaltung. Hinzu komme, dass die Gehaltsstrukturen sehr ungerecht seien: "Nur wer laut genug schreit, bekommt auch was", sagt Wehrle. So können Gehälter für die gleiche Tätigkeit stark variieren.

Ein Fünftel aller Angestellten vermutet große Gehaltsspreizungen in der eigenen Abteilung. Genau weiß es aber kaum einer. Über 80 Prozent der Befragten halten die Gehaltsstruktur in ihrem Unternehmen für intransparent, etwa genauso viele empfinden die Kriterien der Vergütung als nicht nachvollziehbar und unfair.

Überraschend offen bei Gehaltsfragen sind Wirtschaftsprüfer. 37 Prozent der Befragten tauschen sich mit ihren Kollegen aus. Auch Lehrer, Unternehmensberater und Angestellte in Verkehr und Luftfahrt haben wenig Hemmungen.

Besonders schweigsam sind dagegen Angestellte in der Lebensmittelindustrie und der Metallbranche. Den meisten Unternehmen ist das nur recht: Viele Arbeitgeber tragen zur Tabuisierung des Gehaltsthemas bei, indem sie das Redeverbot gleich im Arbeitsvertrag festschreiben.

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