Samstag, 17. November 2018

Schweizer Uni-Perle Die Zähmung der Bosse

Exzellente Lehre, gutes Netzwerk, elitäres Image, viel Praxisnähe - die Business School St. Gallen zählt zu Europas Uni-Perlen. Allerdings gilt sie neuerdings als Brutkasten für böse Banker. Die angehenden Manager müssen jetzt mit einem schlechten Ruf leben.

Böse Zungen in der Ostschweiz nennen ihn den Termitenhügel. Sie meinen den kleinen Berg im Norden St. Gallens, auf dem sich die Institute und Hörsäle einer der renommiertesten Wirtschaftsuniversitäten Europas gruppieren. Steile Treppengassen führen von der Hochschule St. Gallen (HSG) hinunter in die Altstadt, durchziehen den Hügel wie Trampelpfade einer Insektenkolonie.

Ärgern sich über die typischen Vorurteile: HSG-Studenten Eisenhut, Schiebold, Fleckner, Stoffers und Krech
Pirmin Rösli / Agentur Focus
Ärgern sich über die typischen Vorurteile: HSG-Studenten Eisenhut, Schiebold, Fleckner, Stoffers und Krech

"Termiten, das sind nicht gerade die beliebtesten Bewohner dieser Erde", sagt Tristan Krech. "Dieses schlechte Image ist absolut nicht gerechtfertigt." Der 23-jährige Volkswirtschaftsstudent aus Donaueschingen ist einer von rund 1120 Deutschen an der HSG, knapp 6000 studieren hier insgesamt.

Die Universität für Wirtschafts-, Rechts und Sozialwissenschaften bietet ihnen hervorragende Lehre, mehr Praxisnähe als die meisten deutschen Hochschulen und ein ausgezeichnetes Netzwerk. Einer hauseigenen Umfrage unter aktuellen Absolventen zufolge bekommen die HSGler trotz der Weltwirtschaftskrise im Schnitt zwei Jobangebote nach ihrem Abschluss. Die Einstiegsgehälter, heißt es, seien im Vergleich zu 2008 sogar leicht gestiegen.

Der Ruf ist lädiert

Mit einem Nachteil allerdings müssen die Studierenden trotz aller akademischen Vorzüge leben: So gut wie der Ruf der HSG unter Unternehmensbossen und Wirtschaftswissenschaftlern auch sein mag, so schlecht ist er derzeit in der größeren Öffentlichkeit.

Die Einheimischen in St. Gallen pflegen ihre Vorurteile schon seit langem. Die Kluft zwischen "denen da oben" und "uns da unten" ist in der Finanzkrise kaum schmaler geworden. Aber auch in der öffentlichen Debatte stehen Kaderschmieden wie die HSG ("die Kapital-Universität", wie sie die Wochenzeitung "der Freitag" bezeichnet), die Koblenzer WHU oder auch die amerikanische Harvard Business School derzeit in der Kritik, kommen doch viele internationale Spitzenbanker und Führungskräfte, Mitverursacher der Wirtschaftskrise, genau von jenen Universitäten.

Der St. Gallener Prorektor Thomas Bieger wehrt sich: "Die HSG ist eine Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Universität", sagt er und betont "sozial". Hier würden "verantwortungsvolle Führungspersönlichkeiten" ausgebildet. Durch das Fenster seines Eckbüros hat der BWL-Professor einen weiten Blick auf Löwenzahnwiesen und den Säntis, den höchsten Berg der Ostschweiz.

Vor ein paar Tagen ist Bieger von einem CEMS-Treffen in Mexiko zurückgekommen. CEMS, das ist ein internationaler Zusammenschluss von Wirtschaftshochschulen. Dort hatten die Vertreter der Elite-Hochschulen beratschlagt, wie sie ihren angeschlagenen Ruf polieren könnten und wie es sich vermeiden lasse, skrupellose Manager heranzuziehen. Keiner möchte gern als Brutkasten für böse Banker gelten.

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