Montag, 17. Dezember 2018

Grünenthal Gründererbe tritt zurück

Der Geschäftsführer des Aachener Pharmaunternehmens und früheren Conterganherstellers Grünenthal, Sebastian Wirtz, räumt seinen Posten. Für die Entscheidung des 38-Jährigen, der das Unternehmen in dritter Generation führte, wurden keine Gründe genannt. Ein Nachfolger soll in Kürze benannt werden.

Aachen - Sebastian Wirtz zieht sich aus der Unternehmensleitung von Grünenthal zurück. Der 38-Jährige ist der Enkel des Unternehmensgründers. Das teilte die Grünenthal GmbH am Dienstag mit. Wirtz habe das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen, sagte eine Sprecherin. Zu den Gründen machte sie keine Angaben. Der Beirat des Unternehmens danke Wirtz für seine Arbeit und seinen persönlichen Einsatz beim Thema Contergan, hieß es in der Mitteilung.

Wirtz hatte sich als erstes Mitglied der Unternehmerfamilie mit den Contergan-Opfern an einen Tisch gesetzt. Im Mai hatte er rund 50 Jahre nach dem Medizinskandal angekündigt, zusätzliche 50 Millionen Euro in die Conterganstiftung für behinderte Menschen einzuzahlen.

Vater und Sohn: Michael (l.) und Sebastian Wirtz
Gruenenthal GmbH / DDP
Vater und Sohn: Michael (l.) und Sebastian Wirtz
Andererseits hatte Sebastian Wirtz, der die Unternehmensleitung 2005 von seinem Vater übernommen hatte, versucht, mit juristischen Mitteln die Ausstrahlung des mittlerweile preisgekrönten WDR-Fernsehfilms "Eine einzige Tablette" zum Conterganskandal zu verhindern.

Die Grünenthal-Sprecherin betonte, das Unternehmen werde auch nach dem Ausscheiden von Wirtz unverändert beim Thema Contergan zu seiner Verantwortung stehen und den konstruktiven Dialog mit den Betroffenen weiter führen. Vor Sebastian Wirtz hatten der Vater und der Großvater das Unternehmen geführt. Erst mit dem Generationswechsel vor drei Jahren wurde das Unternehmen im Umgang mit seiner Geschichte offener.

Die Grünenthal-Geschäftsführung werde um einen Vorsitzenden (CEO) erweitert, der zugleich für das Thema Contergan zuständig sein soll. Der Name des neuen Vorsitzenden werde in Kürze bekanntgegeben, sagte die Sprecherin. Die Neuordnung der Führung sei auch vor dem Hintergrund der dynamischen Veränderungen in der Pharmabranche sinnvoll.

Grünenthal hatte das Medikament Contergan 1957 auf den Markt gebracht. Der Wirkstoff Thalidomid hatte bei rund 5000 Kindern in Deutschland beträchtliche Fehlbildungen an den Gliedmaßen zur Folge. Ein Strafprozess war 1970 wegen geringer Schuld eingestellt worden. Laut Opfer-Verband leben heute noch rund 2800 Betroffene.

Grünenthal ist heute spezialisiert auf Arzneimittel in Schmerztherapie und Gynäkologie. Zu Grünenthal gehören außerdem die Dalli-Werke, die etwa Waschmittel für Discounter herstellen, sowie der Parfümhersteller Mäurer & Wirtz. Das 1946 gegründete Unternehmen beschäftigt in Deutschland rund 1900 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 5300. Der Umsatz betrug 2007 etwa 846 Millionen Euro.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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