Montag, 21. Januar 2019

Führungskräfte "Paralysiert aus Angst vor dem Absturz"

Mit den Aktienkursen stürzt auch manche Managerkarriere in den Abgrund. Die Angst vor dem freien Fall macht viele Führungskräfte krank, sagt Topmanagercoach Ulrich Sollmann. Viele müssten ihre Rolle nun radikal überdenken.

mm.de: Herr Sollmann, die Märkte spielen verrückt, die Unternehmen stürzen in eine Krise. Wie geht es unseren Managern dabei?

Ulrich Sollmann ist Psychotherapeut, Coach und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Keese & Sollmann. Zu seinen Kunden zählen unter anderem Daimler, die Deutsche Bank, RWE und die Vereinten Nationen.
Sollmann: Ich stelle eine gravierende Überforderung fest. Es geht damit los, dass Führungskräfte nicht mehr schlafen können. Sie leiden unter Herz-Kreislauf-Problemen und all den anderen klassischen psychosomatischen Symptomen. Ich kenne ein IT-lastiges Unternehmen, in dem der Krankenstand bei 10 Prozent liegt.

In einer anderen Firma fallen in einem hohen Maße Führungskräfte für lange Zeit aus - das ist für das Unternehmen natürlich tödlich, denn in solchen schlanken Firmen gibt es keine Vertreter mehr. Vielen fällt es schwer, am Abend den Griffel hinzulegen. Sie wähnen sich auch in einem materiellen Überlebenskampf. Viele sind abhängig von ihrem Status, ihrer Rolle als Führungskraft. Aber auch von der eigenen Illusion: mehr von demselben, was sie gemacht haben, würde aus der Krise helfen. Sie haben dabei eine tiefe ohnmächtige Angst vor dem Absturz, dem sie auf der Medienbühne und im eigenen Unternehmen beiwohnen. Dessen Element sie sind. Sie sind völlig paralysiert.

mm.de: Wie infiziert die Krise den einzelnen Menschen?

Sollmann: Viele Manager sagen, sie haben keine Zeit mehr, innezuhalten, sich zu besinnen. Das sind klassische Symptome und Ausreden, die sich nun in zugespitzter Form zeigen. Wer davon betroffen ist, hat keine Reserven mehr in der Not. Und gibt das letzte bisschen Selbstverantwortung ab.

Manager erleben ihr eigenes Scheitern. Offen thematisieren sie diese Frage zwar nicht. Es heißt dann eher, der Markt hat sich gegen mich gewendet. Doch tatsächlich müssen viele Führungskräfte sehen, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind. Und sie haben keine Möglichkeit mehr, das schönzureden, was passiert ist und welchen Anteil sie daran haben.

Damit spüren sie auch ihre eigene Ohnmacht und ihre Grenzen. Die sind durch die Einbrüche am Markt deutlich geworden. Hinzu kommt die Ohnmacht, dass der Staat Druck macht oder eine Übernahme im Raum steht. Viele Manager werden unter solchen Umständen krank. Krank, statt über das eigene Gefühl von Ohnmacht trauern zu können.

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