Freitag, 14. Dezember 2018

Österreich "Herr Hofrat und Frau Magister"

Spanien errang am Sonntag in Wien den Titel des Fußball-Europameisters. Österreichs ureigenen Titelrekord konnten die Mannen von Trainer Luis Aragonés damit aber nicht brechen - sehr zur Freude von Frau Magister und Herrn Oberhofrat.

Wien - Denn, was Titel jenseits sportlicher Leistungen angeht, bleibt Österreich Weltspitze. "Unser Titelwahn ist schon eine österreichische Besonderheit, in anderen Ländern wäre das gar nicht denkbar", sagt Heinz Kasparovsky, Mitarbeiter im Wissenschaftsministerium und Autor des gerade erschienene Sachbuch "Titel in Österreich - Der Leitfaden für die Praxis". Kasparovsky gilt als Experte für die korrekte Anrede im Alpenland.

"Herr Dr. geht immer": Österreich im Titelwahn
Denn 90 Jahre nach Abschaffung der Monarchie heben ein paar Buchstaben vor dem Namen den Österreicher immer noch vom gemeinen Volk ab. Jeder schnöde Uniabschluss nach 20 Semestern wird sofort im Pass vermerkt und der Besitzer fortan mit Herr oder Frau Magister angesprochen. Selbst bei einem österreichischen Zahnarzt erntet ein Patient, der schlicht mit seinem Namen aufgerufen wird, abfällige Blicke.

Auf den anderen weißen Plastikstühlen hält sich schließlich ein Herr Hofrat die Wange oder ein Herr Generaldirektor muss gleich zur Zahnreinigung. Auf der Homepage des altehrwürdigen Burgtheaters in Wien kann der Kartenbesteller beispielsweise zwischen schätzungsweise 80 Anreden auswählen - vom Herrn Kammersänger bis zum Präsidenten-Generaldirektor-Doktor.

Kasparovsky - oder vielmehr Dr. jur. Ministerialrat Abteilungsleiter Kasparovsky - hat für sein Buch rund 900 Anreden zusammengetragen. "Ich musste mich auf die gängigsten beschränken", sagt er. Die Variationsbreite reicht dabei von einem militärischen Oberleutnantapotheker bis zum kirchlichen Ehrenkonsistorialrat.

"In jedem Land gibt es bestimmte Statussymbole, in Österreich sind es eben die Titel", sagt er. Eigentlich seien die vielen verschiedenen Anreden ein Überbleibsel aus der Kaiserzeit, als es noch starre Gesellschaftsklassen gab. Doch auch heute noch macht der Namenszusatz die Hierarchie klar. "Da könnte man sehr viel über die österreichische Seele spekulieren", sagt er.

Für den Wiener Soziologen Roland Girtler hat der österreichische Titel-Wahn wenig Negatives. "Der Mensch braucht Symbole, um den anderen klar zu machen, wer er gerne wäre", sagt er. Außerdem müsse man in Österreich für seinen Titel wenigstens etwas leisten - während es in Deutschland noch die in Österreich verbotenen Adelsbezeichnungen gibt.

"Der gescheite Österreicher nennt seinen Titel außerdem mit einem Augenzwinkern", sagt der Herr Prof. Dr.. Auch im Alltag habe die Fixierung der Österreicher auf die Anrede viele Vorteile: "Ich muss mir den Namen nicht merken - mit einem Herr oder Frau Dr. liegt man immer richtig."

Doch die österreichische Besonderheit ist in der Zukunft von der EU bedroht. Wie alle anderen Länder soll das Alpenland in den nächsten Jahren die einheitlichen Master- und Bachelor-Abschlüsse einführen - und diese beinhalten keinen Titel als Anrede. Nach Angaben von Kasparovsky rufen bereits zahlreiche Menschen im Wissenschaftsministerium an, die sich um die Abschaffung ihrer besonderen Anrede sorgen. "Da wird man dann plötzliche zur Person selbst, was vielleicht auch kein Nachteil ist", sagt der Experte.

Miriam Bandar, dpa

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