Montag, 25. März 2019

Roland Berger Die Manager und die Menschenrechte

2. Teil: "Legitimes Interesse, China zusammenzuhalten"

Berger: Ich weiß zu wenig, um die Lage in Tibet beurteilen zu können. China besuche ich seit vielen Jahren regelmäßig. Sicher bedarf das Thema Menschenrechte auch dort durchaus der Beachtung. Verständlich ist aber, dass China ein legitimes Interesse daran hat, das Land souverän und zusammen zu halten. Und über die Vorgänge in Tibet hört man dieses und jenes. Was dort wirklich passiert, wissen wohl nur die wenigsten.

Zum Tode verurteilt: In China werden laut amnesty international weltweit die meisten Todesstrafen verhängt
mm.de: Das klingt, als seien sie skeptisch gegenüber der Berichterstattung, die die Ereignisse dort momentan sehr dramatisch darstellt.

Berger: Jedenfalls können Bilder leicht eine eigene Realität erzeugen: Selbst Fernsehberichte über den 1. Mai in Berlin-Kreuzberg können einen unbedarften Ausländer glauben machen, in Deutschland herrschte Bürgerkrieg.

mm.de: Bezieht sich Ihre Skepsis ausschließlich auf Tibet, oder auf die Darstellung der Gesamtsituation in China?

Berger: Die Olympiade in Peking hat China in den Fokus der öffentlichen Berichterstattung gerückt. Das kann Interessensgruppen unterschiedlichster Ausrichtung dazu animieren, diese allgemeine Aufmerksamkeit für ihre Zwecke zu nutzen.

mm.de: Westlichen Unternehmen, die in Ländern wie China aktiv werden, wird häufig der Vorwurf gemacht, sie stellen ihr geschäftliches Interesse über moralische Grundsätze wie etwa den Einsatz für die Menschenrechte. Halten Sie diese Kritik für berechtigt?

Berger: In den 18 Jahren, die Roland Berger Strategy Consultants in China tätig ist, habe ich selbst immer wieder erlebt, dass wachsender wirtschaftlicher Wohlstand zunächst die materiellen Lebensumstände der Menschen verbessert, dann ihren Wunsch nach Freiheit stärkt und letztlich ihre individuellen Entfaltungsmöglichkeiten fördert. Dies gilt auch für Russland, wo wir seit 1986 präsent sind. Auslandsinvestitionen, die im Rahmen der Globalisierung Kapital, Management-Know-how und Technologien ins Land bringen, ermöglichen es den Menschen, sich zunehmend selbstbestimmt zu entwickeln. Sie merken, dass sie unabhängig leben und sich eigenständig entfalten können. Daher meine ich, dass gerade das Engagement der Wirtschaft am schnellsten konkrete Ergebnisse bringt in Sachen Menschenwürde, Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft - so wichtig und richtig Gespräche auf Regierungsebene auch sind.

mm.de: Den Vorwurf, die Verbesserung der Lebensumstände käme in diesen Ländern lediglich einigen Wenigen zu Gute, während die Masse nicht daran Teil hat, halten Sie also für unbegründet?

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