Mittwoch, 14. November 2018

Flowtex Vier Jahre Haft für Anwalt

Ein ehemaliger Flowtex-Anwalt ist wegen Beihilfe zum Betrug und Steuerhinterziehung zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Der Angeklagte sei "von der ersten Stunde an Hausjurist" von Flowtex-Gründer Manfred Schmider gewesen, so die Richterin. Er habe sich daran gewöhnt, für Schmider "Koffer voller Geld" um die Welt zu fliegen.

Mannheim - Der 69-jährige Ex-Flowtex-Anwalt muss aber voraussichtlich nur eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe absitzen, weil das Gericht einen Teil der Haftzeit als vollstreckt ansieht und von der Gesamtstrafe abzieht. Er habe sich von der Flowtex-Führung kaufen lassen, sagte die Vorsitzende Richterin am Mittwoch in Mannheim. Der Flowtex-Skandal gilt als größter Wirtschaftsbetrugsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Vergangenheit: Ehemalige Flowtex-Zentrale in Ettlingen
Der Anwalt habe geholfen, das Lügengebäude der beiden verurteilten Haupttäter Manfred Schmider und Klaus Kleiser aufrechtzuerhalten, sagte die Vorsitzende Richterin weiter. So habe er die Führung der Flowtex-Gruppe rechtlich beraten und weitere Firmen gegründet, um die Betrugstaten zu verschleiern. "Der Angeklagte hat sich in den von Schmider und Kleiser ersonnenen Geldkreislauf einspannen lassen." Er habe bereits vor 1997 gewusst, dass Flowtex vor allem Luftgeschäfte betrieb. Der Schwindel war erst Anfang 2000 aufgeflogen.

Der Angeklagte habe jedoch befürchtet, "lukrative Einnahmen aus einer Vielzahl von Beraterverträgen zu verlieren und wieder ein Leben als kleiner Anwalt in Pforzheim zu führen", betonte die Richterin. Er habe sich an "einen gewissen gesellschaftlichen Rahmen" gewöhnt, an Fernreisen und daran, für Schmider "Koffer voller Geld" um die Welt zu fliegen. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte eine milde Strafe verlangt, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen.

Im Laufe des Prozesses hatte es eine Absprache zwischen den Beteiligten gegeben - zu mehr als vier Jahren Haft sollte der Angeklagte nicht verurteilt werden. Der Jurist hatte die Vorwürfe daraufhin weitgehend gestanden. Es sei jedoch ein "Geständnis im Krebsgang" gewesen, sagte die Richterin: "Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück." Der Prozess, der im Januar begonnen hatte, hätte sich ohne Absprache noch mehrere Monate hingezogen, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

Die Führung des Flowtex-Firmenimperiums hatte seinerzeit bei Banken und Leasingfirmen durch Scheingeschäfte mit nicht vorhandenen Bohrsystemen einen Schaden von mehr als zwei Milliarden Euro verursacht. Der Angeklagte sei "von der ersten Stunde an Hausjurist" gewesen, sagte die Richterin. Schmider und der Anwalt kennen sich bereits seit Mitte der 1970er Jahre.

78 Jahre und zwei Monate - das ist die Summe der Haftstrafen, die im größten Wirtschaftsbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte bisher verhängt wurden. Vor mehr als acht Jahren flog der Milliardenskandal um die Betrugsfirma Flowtex auf, jetzt steht die juristische Aufarbeitung vor dem Ende. "Der Komplex ist ermittlungsmäßig abgeschlossen", heißt es bei der Mannheimer Staatsanwaltschaft, die die Scheingeschäfte mit nicht vorhandenen Horizontal-Bohrsystemen federführend untersucht hat. Drei Prozesse, unter anderem gegen den bereits verurteilten Schmider, stehen allerdings noch an - wann, ist jedoch unklar.

Die Zahlen der Staatsanwaltschaft verdeutlichen das Ausmaß des Skandals: 127 Ermittlungsverfahren wurden seit dem Jahr 2000 eingeleitet, 27 Menschen wurden verurteilt - neun davon zu Haftstrafen, 16 zu Bewährungsstrafen und zwei zu Geldstrafen. Die ehemaligen Flowtex-Chefs Schmider und Kleiser sind nach langen Haftstrafen wieder auf freiem Fuß.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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